Arbeiten im Ruhestand: Pilze, Bratkartoffeln und die Krise des Konjunktivs

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Wer Spaß am Schreiben hat und in den Ruhestand geht, der nutzt die Zeit bisweilen, um an seinen Memoiren zu arbeiten. Manche Leute kommen auf ausgefallenere Ideen. So wie Werner Schulz aus Werne.

Werne

, 29.08.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es gibt bekanntlich Menschen, für die der „Ruhestand“ im engeren Sinne nicht so das Wahre ist. Denn nicht jeder findet seine Erfüllung darin, nur noch mit Waldi und den Enkelkindern spazieren zu gehen, den Garten zu pflegen oder die Füße hochzulegen. Manch ein rüstiger Rentner macht seinen Beruf schlichtweg wieder zum Hobby. Manch anderer hingegen beginnt gar ein Studium oder schreibt seine Memoiren – bisweilen mit geradezu psychoanalytischer und philosophischer Note.

Werner Schulz ist wahrscheinlich irgendwo dazwischen. Ja, auch Schulz hat einen Garten, um den er sich kümmert. Und ja, auch er verbringt gern Zeit mit der Familie. Aber der 76-Jährige verbringt ebenfalls viel Zeit mit dem Schreiben - etwa von Büchern über Religion. Oder über Grammatik und Rechtschreibung. Und zumindest Letzteres ist nicht unbedingt philosophisch.

„Wenn er sagt, er hätte gestern gegrillt, dann ist das schön - aber auch falsch.“
Werner Schulz

„Ich habe damit ein Versprechen eingelöst. Aber noch einmal würde ich mir diese Arbeit heute nicht mehr machen“, sagt Schulz und zeigt auf eines der Bücher im Regal. Es ist ein Buch über die deutsche Grammatik. Mehr als 2000 Seiten dick. Schulz schmunzelt: „Meines ist viel dünner. Es sind nur 100 Seiten.“ Und die hat der frühere Lehrer des Anne-Frank-Gymnasiums extra auf Wunsch seiner damaligen Schüler geschrieben.

Denn die waren seiner Zeit der Verzweiflung nahe. Grammatik, das schien ein Fass ohne Boden zu sein. Ein kaum zu bändigendes Regelwerk. Zumal selbst der „Schülerduden“ knapp 250 Seiten umfasste. „Und er war nach der sogenannten Generativen Transformationsgrammatik aufgebaut. Da ging es unter anderem um Satzstruktur-Bäume. Das war für die Schüler quasi unlernbar“, erklärt Schulz.

Ein Blick ins Buch kann manchmal recht hilfreich sein - zum Beispiel, wenn man nicht ganz so fit in Sachen Grammatik ist.

Ein Blick ins Buch kann manchmal recht hilfreich sein - zum Beispiel, wenn man nicht ganz so fit in Sachen Grammatik ist. © Felix Püschner

Der Werner Pädagoge konzipierte also sein eigenes systematisches Büchlein, das den Schülern den Zugang und das Lernen erleichtern sollte. Mit Wortarten, Satzgliedern und Satzarten - vom Adjektiv über das Kausaladverbial bis hin zum Konsekutivsatz. Bis zur ersten druckreifen Buchfassung plus begleitendem Buch mit praktischen Übungen benötigte er ganze zwei Jahre. Und das Paket kam so gut an, dass sich schon bald weitere Schulen meldeten - aus Dortmund, Lünen, Kamen, Bergkamen, Selm und Hamm zum Beispiel.

Er habe keine Werbung gemacht, sagt Schulz heute. Es habe sich wohl einfach so herumgesprochen. Die erste Auflage umfasste 500 Exemplare, die zweite schon 2000. Das war im Jahr 2016. Längst sind alle vergriffen. Und das gilt auch für das zweite Buch des Deutschlehrers. Darin geht‘s - eigentlich kaum überraschend - um Rechtschreibung und Zeichensetzung.

Pilze und Bratkartoffeln...

Schulz ist immer noch ein bisschen stolz auf seine Bücher - und wahrscheinlich stellen sich ihm genau darum heute die Nackenhaare auf, wenn er liest und hört, was manch ein Zeitgenosse sprachlich so von sich gibt. Zum Beispiel, wenn es um die korrekte Verwendung des Dativs geht. „Auf Präpositionen wie mit, nach, bei oder von folgt ausschließlich der Dativ“, erklärt Schulz: „Und dann lesen Sie in der Speisekarte im Restaurant mit Bratkartoffel oder mit Pilze. Da fehlt das n“. Einem Grammatik-Guru kann da schon mal der Appetit vergehen.

Ein weiterer wunder Punkt für den ehemaligen AFG-Lehrer: die korrekte Verwendung des Konjunktivs bei der indirekten Rede. Die habe der deutsche Durchschnittsbürger einfach nicht auf dem Kasten, sagt Schulz. Erst recht nicht in Fällen, bei denen statt des Konjunktivs 1 der Konjunktiv 2 gewählt werden müsse - also immer dann, wenn Indikativ und Konjunktiv 1 formal identisch seien. Schulz gibt ein Beispiel: „Sie sagen, sie haben gestern gegrillt - das ist schön, aber falsch. Sie hätten gegrillt, muss es heißen. Und wenn er sagt, er hätte gestern gegrillt, dann ist das ebenfalls schön - aber eben auch falsch. Er habe gegrillt.“ Klingt nach einem weiteren Appetit-Dämpfer.

Studie liefert erschreckende Ergebnisse

Es gibt durchaus Studien, die Schulz in seiner Auffassung bestätigen. Eine besonders prominente stammt aus dem Jahr 2007. Da hatte eine Untersuchung an bayrischen Hochschulen mit 1000 Studienanfängern im Fach Germanistik ergeben, dass das schulgrammatische Grundlagenwissen der Testpersonen dem Stand von Fünft- und Sechstklässlern entspricht. Auch der Konjunktiv kam in dieser Studie vor.

Wäre Werner Schulz ein paar Jahre früher in den Ruhestand gegangen, dann hätte das Ergebnis womöglich etwas anders ausgesehen.

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