Es ist still geworden in öffentlichen Verkehrsmitteln. Während der Zug durch die Landschaft braust, scheint der Rest der Welt stillzustehen.

Werne

, 01.05.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Wieder einmal bin ich spät dran. Hastig werfe ich mir die Jacke über, schlüpfe in meine Schuhe und laufe strammen Schrittes zur U-Bahn. Schiele vor dem Überqueren der Straße nach links und rechts, ob ein Auto kommt - aber es kommt natürlich keines. Daran habe ich mich in den letzten Wochen schon gewöhnt. Manchmal habe ich das Gefühl, der einzige Mensch im Dortmunder Süden zu sein.

Ein leerer Bus rauscht an mir vorbei. Wie der Busfahrer sich wohl fühlen mag? Genießt er die Stille? Fühlt er sich einsam? In Gedanken stolpere ich beinahe über meine eigenen Füße. Ein Blick auf die Uhr verrät: Acht Minuten habe ich noch. Etwas langsamer setze ich meinen Weg fort und lausche den Vögeln, die ganz ohne Sicherheitsabstand und Mundschutz umeinander balzen.

Keine lächelnden Menschen, aber eine grinsende Satellitenschüssel

Aus einem Schaufenster heraus lächelt mich eine Satellitenschüssel an. Seit meinem Einzug Anfang März steht sie dort, die gelbe Schüssel mit dem freundlichem Smiley-Gesicht. Und jeden Morgen lächle ich zurück.

Vor dem U-Bahnhof lungern keine Jugendlichen herum, an denen man sich vorbeidrängen muss. Mir kommen keine Senioren entgegen, die mich nach dem Weg fragen und es rauschen keine Menschen an mir vorbei, die morgens offensichtlich genau so lange brauchen wie ich. Die U-Bahnstation ist beinahe menschenleer.

Zuhause blieben ist angesagt

Der einzige Mensch, der mit mir im Untergrund ist, ist die Reinigungskraft. Er leert gerade die Mülleimer, als eine alte Dame die Rolltreppe herabfährt. Dick eingemummelt in einen knielangen beigen Mantel schnäuzt sie sich die Nase. „Kann ich das Taschentuch in Ihre Tüte werfen?“, fragt sie die Reinigungskraft.

„Ja, klar“, antwortet der Mann in Warnweste. „Aber gehen Sie besser nach Hause. Sie wissen schon, wegen dem Virus“, rät er der alten Dame, die ihn entgeistert anschaut. Sie wolle doch nur kurz einkaufen, erzählt sie dem Mann. „Haben Sie denn niemanden, der Ihnen etwas mitbringen kann?“, fragt er die Frau, die daraufhin in reumütigem Tonfall etwas vor sich hinmurmelt.

Viel Platz in der Bahn

Es fühlt sich an, als dürfte auch ich gar nicht hier sein. Ich steige in eine verlassene U-Bahn. Auf der ganzen Fahrt zum Hauptbahnhof steigen sage und schreibe zehn Personen zu. Wo sie wohl hin wollen? Fahren sie wie ich zur Arbeit? Besuchen sie ihre Familien? Was auch immer ihr Ziel ist, ich bin froh, nicht alleine in der Bahn zu sitzen - so sehr ich mir das auch manchmal gewünscht habe.

Bis vor wenigen Wochen freute ich mich noch, wenn ich einen Vierer-Sitzplatz ganz für mich allein hatte. Heute sehe ich es als Luxus an, andere Menschen um mich zu haben, arbeiten zu gehen und vor Ort berichten zu dürfen.

Welcher Sitz ist der sauberste?

Der Dortmunder Hauptbahnhof ist seit Wochen wie ausgestorben. Am Waffelstand, dessen Duft normalerweise durch den ganzen Bahnhof zieht, stehen nun Bauarbeiter, die ihren Kaffee schlürfen. Yormas, der Laden, der sonst sogar spätabends noch einen Snack bereit hielt, hat geschlossen. Das Leben steht still, doch die Zeit läuft weiter.

Und so steige ich in die Bahn nach Lünen, in der ich ebenfalls viel Platz habe. Wo setze ich mich hin? Ich erinnere mich daran, gehört zu haben, dass die vorderste Toilette in öffentlichen Anlagen immer die sauberste sei. Wie sieht das in Bahnen aus? Werden die Sitze an der Tür am wenigsten genutzt? Leider kenne ich keinen Bahn-Hygieneforscher, der mir diese Frage beantworten könnte.

„Quarantäne-Lifestyle“ und der Traum vom Leben danach

Als die Bahn losrollt, habe ich mich längst für einen Platz irgendwo in der Mitte entschieden. Irgendwo im Zug, verdeckt von den hohen Lehnen, sitzt ein weiterer Fahrgast, der am Telefon vom Home Office und seinem „Quarantäne-Lifestyle“ erzählt. Und ich träume von der Zeit nach Corona. Vom Essen gehen, von unbeschwerten Abenden, von meiner auf unbestimmte Zeit vertagten Einweihungsparty.

Davon, meine beste Freundin wiederzusehen, die hunderte Kilometer entfernt darauf hofft, ihren Sommerurlaub bei mir verbringen zu dürfen. Von den vielen kleinen Dingen im Leben, auf die man gerade verzichten muss und bei denen man gerade merkt, wie wichtig sie eigentlich sind. Nichts und niemanden vermisse ich mehr als meine beiden besten Freunde. Für mich sind sie systemrelevant.

Nichts zu knabbern für die Bahnhofstaube

Gleichzeitig bin ich überglücklich, dass es sie gibt und freue mich schon jetzt auf den Tag, an dem ich sie wieder in die Arme schließen kann. Mit wohligen Gedanken steige ich in Lünen aus der Bahn und warte auf den Bus Richtung Werne. Dabei werde ich von einer Taube fragend angeschaut.

Offensichtlich sehe ich so aus, als hätte ich etwas zu picken dabei. Habe ich aber nicht. Die arme Taube geht leer aus. Ich springe in den Bus und werde direkt vor eine schwierige Entscheidung gestellt: Sollte ich alten Menschen in Zeiten von Corona helfen? Hinter mir versucht eine Omi einzusteigen, doch sie bleibt mit ihrem Rollator zwischen Bordsteinkante und Bustür stecken.

Ist Senioren zu helfen aktuell eine gute Tat?

Darf ich den Rolli anfassen, oder ist das Infektionsrisiko für sie zu groß? „Brauchen Sie Hilfe?“, frage ich die Dame und sie ist glücklich, als ich ihr den Rollator in den Bus hebe. Doch so ganz bin ich mir noch immer nicht sicher, ob das eine gute Tat war. Und so beginnt die letzte Etappe auf dem Weg zur Arbeit.

Die Landschaft rauscht an mir vorbei. Die Bäume, die Häuser, die Felder und die Menschen, die mit ihren Hunden unterwegs sind. Nach einer guten Stunde habe ich meine Reise zur Arbeit beendet und warte auf den Tag, an dem ich mich wieder ärgere, wenn ich keinen Sitzplatz in der Bahn bekomme.

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