Jeden Tag fahren Tausende Autos über die B54 an dem Bildstock auf Höhe der Straße „An den 12 Bäumen“ vorbei. Was es mit dem Bauwerk auf sich hat, erklären wir in unserer Video-Kolumne Heidewitzka.

von Heidelore Fertig-Möller

Werne

, 11.07.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wenn man sich in Richtung Lünen an die Stelle kurz vor der Kreuzung Südring / Berliner Straße begibt, sieht man auf der linken Seite einen alten Bildstock, umgeben von Bäumen, und den Straßennamen „An den 12 Bäumen“. Etwas weiter findet man noch die Namen „An der Femlinde“ und „Tigge“ - eine alte Bezeichnung für einen Versammlungsort freier Bauern.

Auf der rechten Seite der Lünener Straße befinden sich schließlich die Straßen „Kirchhof Mottenheim“, „Am freien Stuhl“ und „Freigrafenstraße“. All diese Namen weisen auf eine alte Gerichtsstätte hin, die es schon Mitte des 13. Jahrhunderts gab und die bekannt war als Freistuhl „to Mottenhem“.

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Heidewitzka - Folge 32: Die 12 Bäume

Die Bauerschaft Mottenheim lag nördlich der Stadt Werne und erstreckte sich südlich bis zur Lippe. Sie umfasste im 13. Jahrhundert 12 bis 14 größere Höfe, die alle in näherer Verwandtschaft zueinander standen. Zu Ende des 14. Jahrhunderts, als die Streitigkeiten zwischen dem Landesherrn, dem Bischof von Münster, und den Grafen von der Mark jenseits der Lippe ihren Höhepunkt erreichten, erhielt Werne als Grenzfeste mehrere Rechte zugesprochen: So zum Beispiel das Befestigungsrecht im Jahre 1383 und das Wigbold-Recht 1385 (eine Art minderen Stadtrechts).

Gleichzeitig verfügte der Landesherr, dass die Bewohner der Bauerschaften Werne und Mottenheim in die Stadt Werne ziehen mussten, um die Wehrhaftigkeit von Werne durch den Zuzug wehrfähiger Männer innerhalb der Stadtmauer zu erhöhen.

Beim Femgericht ging‘s um Mord, Brandstiftung und Co.

Der Freistuhl in der Bauerschaft Mottenheim verblieb allerdings dort und gehörte zu den 17 Freistühlen der Freigrafenschaft Wildeshorst, heute Hessen. Es handelt sich um eines von mehreren seit dem 13. Jahrhundert existierenden Femgerichte, die vor allem in Westfalen bis ins 18. Jahrhundert nachweisbar sind.

Wahrscheinlich kommt der Begriff „Feme“ vom niederländischen „veem“, was soviel wie Genossenschaft beziehungsweise Zunft bedeutete. Diese westfälischen Gerichte waren nur für die persönlich freie Bevölkerung, nicht für Hörige, und richteten im Schnellverfahren schwere Straftaten wie Mord, Brandstiftung, Diebstahl und Verletzung des Friedens und vollstreckten die Strafe durch Erhängen.

Eine Szene aus dem Femgericht - so wie es sie einst auch in Werne an der heutigen Lünener Straße gegeben hat.

Eine Szene aus dem Femgericht - so wie es sie einst auch in Werne an der heutigen Lünener Straße gegeben hat. © Soester Nequambuch / Repro Felix Püschner

Nur Freie konnten Richter und Schöffen sein, daher auch die Begriffe „Freistuhl“ für das Femgericht, „Freigraf“ für den Vorsitzenden und „Freischöffe“ für die Beisitzer. Da der Landfrieden gerade zu Ausgang des Mittelalters oft gestört wurde, von Raubrittern und anderen Gesetzesbrechern, wurden die Femgerichte meist auch von den Landesherren, wie dem Erzbischof von Köln als Herzog von Westfalen, und sogar vom König gefördert, scheiterten später allerdings am Widerstand der Stadt- und Territorialgewalten.

Im 15. und 16. Jahrhundert organisierten sich die Femgerichte in der Art eines Geheimbundes. Deshalb wurden sie auch „heimliche Gerichte“ genannt. Jeder unbescholtene Mann konnte nach einem bestimmten Ritual in den Bund aufgenommen werden und Freischöffe werden – seine Zugehörigkeit blieb geheim.

Ein schnelles Urteil: Hinrichtung durch den Strang

Der Freischöffe konnte in eigener oder fremder Sache vor einem der westfälischen Femgerichte als Kläger auftreten und mit seinem Eid die Verurteilung eines nicht erschienenen Beklagten erreichen. In diesem Fall erkannten die Femgerichte grundsätzlich auf Hinrichtung durch den Strang. Jeder, der dem Geheimbund angehörte, war verpflichtet, das Urteil zu vollstrecken und den Verurteilten aufzuhängen, wenn er dessen habhaft wurde.

Einer der ersten Freigrafen soll Mitte des 13. Jahrhunderts Gerwin von Rinkerode, der letzte um 1600 Jürgen Eickholt gewesen sein. Diese typisch westfälische Form der Rechtsprechung findet in der deutschen Rechtsgeschichte keine Parallele.

So sah der Bildstock früher einmal aus. Das Foto datiert aus dem Jahr 1916.

So sah der Bildstock früher einmal aus. Das Foto datiert aus dem Jahr 1916. © Felix Püschner / Förderverein Stadtmuseum

Der Bildstock „Christus am Kreuz“, der sich an der Stelle der früheren Gerichtsstätte „Freistuhl zu Mottenheim“ befinden soll, war zu Beginn des 20. Jahrhunderts schon stark verwittert. Ein Foto von 1916 zeigt auch eine Steinplatte zwischen Sockel und Bildgehäuse, wobei es sich um die Platte des alten Femetisches handeln kann - links daneben ist noch der Stumpf eines alten Baumes zu sehen, der vielleicht zur alten Femlinde gehörte.

Diese ist wohl um 1900 einem Sturm zum Opfer gefallen, da sie schon gänzlich ausgehöhlt war und oft als geheimnisvolles Versteck für die Werner Jugend diente. Ende der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts wurde der Bildstock vom Heimatverein Werne restauriert und die zwölf Bäume, nach denen er benannt ist, angepflanzt – der fehlende zwölfte Baum soll in nächster Zeit wieder dort stehen.

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