Sie lieben das Landleben, sind „Landeier“. Aus einem angestaubten Image machen fünf Freunde eine Tugend. Sie entwickeln eine Mode-Linie mit dem Namen „Bauernkind“. Und das mit Erfolg.

Werne, Herbern

, 08.04.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Sie kommen vom Land, sind auf dem elterlichen Bauernhof zwischen Kühen und Schweinen aufgewachsen. Sie interessieren sich alle für die Landwirtschaft und Agrarwissenschaft. Was für manche nicht gerade sexy klingt, machen fünf junge Männer, darunter ein Werner und ein Herberner, zur Erfolgsgeschichte.

Ihr gemeinsames Interesse hat Lukas Meyer-Tonndorf (26), Ansgar Selhorst (26, aus Herbern), Jan Möllenbrink (25, aus Werne), Jannik Altpeter (27) und Jost Teepker (26) zusammengeschweißt. Die jungen Männer lernen sich beim Studium der Agrarwissenschaften und Forstwissenschaften in Göttingen kennen.

Dass sie mit einer Schnapsidee so viel Erfolg haben werden, hätten sie selbst nie gedacht. „Wir müssen uns selber immer wieder kneifen, ansonsten realisiert man das alles gar nicht“, sagt Lukas Meyer-Tonndorf.

Von der Schnapsidee zur Mode-Linie: Freunde setzen mit „Bauernkind“ Zeichen fürs Landleben

Die fünf Freunde hätte nie gedacht, dass aus ihrer Idee ein erfolgreiches Geschäftsmodell wird. © Bauernkind

Eigentlich, erzählt der Mann aus Halver, wollten die Jungs nur coole Shirts für ihre Clique haben und gleichzeitig ganz bewusst Stellung beziehen. „Wir leben für das Land. Wir brennen dafür. Das ist unser Leben. Ein Bauernkind zu sein, ist ein Lebensgefühl. Es bedeutet Gemeinschaft. Es geht eher um eine innere Einstellung, weniger um die Herkunft. Es ist einfach etwas Schönes“, erklärt der 26-Jährige.

Die Freunde wollten das Thema mit etwas Positivem verbinden und das auch anderen zeigen. Wenn sie ihren Pullover mit dem Aufdruck „Bauernkind“ anziehen, werden sie oft darauf angesprochen. „Die fragen dann zum Beispiel: ‚Bist du ein Bauer, oder was?‘“, sagt Lukas und lacht. „Wir kommen gern mit den Leuten ins Gespräch.“

Vorurteile aus der Welt schaffen

Sie möchten Vorurteile aus der Welt schaffen. Mit Mobbing hatten sie in der Vergangenheit nicht zu tun, aber mit Frotzeleien. „Ansgar, der vom Hof kommt, musste sich schon manchmal ein paar Sprüche anhören. Aber jeder geht ja sehr individuell damit um. Und Ansgar ist da total selbstbewusst“, erzählt Lukas über seinen Kumpel und Geschäftspartner Ansgar Selhorst, der aus Herbern kommt.

Heute tragen sie alle mit Stolz ihre Hoodies, T-Shirts oder Mützen. Viele Gleichgesinnte tun es auch. „Wir hätten nie gedacht, dass daraus so eine große Nummer wird. Wir haben nie den Plan gehabt, ein Mode-Label zu gründen“, erzählt Lukas.

Er vergleicht die Entwicklung von „Bauernkind“ mit einem klassischen Start-up, das in einer Garage angefangen hat. Nur haben die fünf Jungs es eben in ihrer WG in Göttingen gestartet. Das Zimmer von Ansgar diente als Lager. „Da stand alles drin. Das hat sich irgendwie so entwickelt“, erzählt Lukas.

Von der Schnapsidee zur Mode-Linie: Freunde setzen mit „Bauernkind“ Zeichen fürs Landleben

Hoodies, Pullover, T-Shirts und Accessoires gibt es im Online-Shop von „Bauernkind“. © Bauernkind

Aber ein großes Lager benötigen die Jungunternehmer sowieso nicht. Denn hinter ihrer Philosophie steckt auch, dass die Artikel nur zu bestimmten Zeiten überhaupt bestellt werden können.

In Bestellwellen, die acht Tage andauern und etwa im Rhythmus von fünf Wochen angeboten werden, können Interessenten die Ware bestellen. Der Kunde muss sich also in Geduld üben, wenn er unbedingt etwas kaufen möchte, aber gerade keine Bestellwelle läuft.

Keine massenhafte Produktion

„In Zeiten von Amazon – da bekommt man seine Ware ja innerhalb von ein bis zwei Tagen – hätten wir nie gedacht, dass das klappt. Aber es funktioniert ganz gut. Wenn man eine hochwertige Klamotte haben will, kann man auch ein paar Wochen darauf warten“, meint Lukas.

Er und seine Freunde lassen die Ware also nicht massenhaft produzieren, sondern nur nach Bestellung. „Dieses ständige Übermaß an Klamotten, das überall herrscht, hat uns angekotzt“, sagt der 26-Jährige.

Neues Lager eingerichtet

Ab sofort geht die Ware nicht mehr aus der WG in Göttingen auf die Reise, sondern aus dem neuen Lager in Melle (Niedersachsen), dort, wo Jost Teepker nun zu Hause ist. Denn die Macher von „Bauernkind“ leben nicht mehr alle zusammen in Göttingen. Der eine Teil steckt noch in den letzten Zügen des Master-Studiums, der andere Teil arbeitet an anderen Orten.

„Einen Master-Plan haben wir nicht.“
Lukas Meyer-Tonndorf

Die Fünf stecken im Umbruch. „Mal sehen, wie es jetzt klappt, wenn wir nicht mehr alle in Göttingen sind. Einen Master-Plan haben wir nicht. Es wird auf jeden Fall eine Herausforderung. Während des Studiums konnte man seine Zeit schon flexibler einteilen“, sagt Lukas. Etwa 70 bis 80 Stunden im Monat hat jeder in die Arbeit von „Bauernkind“ gesteckt.

Nun tauschen sich die Fünf in regelmäßigen Telefonkonferenzen aus. Anfangs haben sie ihre Anliegen noch in einer Whatsapp-Gruppe geklärt. Heute arbeiten sie mit einer Management-App und handeln in den Konferenzen Tagespunkt für Tagespunkt ab.

Wenn zu viel Testosteron im Spiel ist

Manchmal knallt es auch, erzählt Lukas. „Klar, wenn es fünf Kerle gibt, die meinen zu wissen, wie es läuft, dann ist da manchmal zu viel Testosteron im Spiel“, sagt Lukas und schmunzelt. „Das ist nicht immer romantisch.“ Aber sie räumen die Dinge schnell aus der Welt. Sie sind nicht nur Geschäftspartner, sondern auch beste Freunde.

Dabei bringt jeder seine Stärken mit ein. Sie teilen sich die Arbeit auf. Da haben etwa Ansgar und Jost aufgrund ihres Schwerpunktes im Studium die betriebswirtschaftlichen Zusammenhänge im Blick. „Das ist gut so. Von den Finanzen habe ich nicht so viel Peil“, sagt Lukas. Er kümmert sich hingegen um das Marketing und die Öffentlichkeitsarbeit.

„Das ist alles kein Hexenwerk. Aber man muss sich damit auseinandersetzen.“
Lukas Meyer-Tonndorf

Ansonsten, sagt er, sei es viel „learning by doing“. Man muss es einfach machen, meint der 26-Jährige. „Wir haben die Internetdomain gekauft, wir haben einen Internetshop nach einem Baukastensystem eingerichtet und verschiedene Bezahlmethoden. Das ist alles kein Hexenwerk. Aber man muss sich damit auseinandersetzen“, sagt er.

Die Anfänge waren dennoch etwas chaotisch, wie er zugibt. „Das war noch ganz schön wild. Da haben wir jedes Paket bestimmt 15-mal in der Hand gehabt, bis wir es rausgeschickt haben“, erzählt Lukas. „Und eins darf man nicht vergessen: Es hat alles nur funktioniert, weil wir einen riesigen Freundeskreis haben, der uns super unterstützt hat.“ Etwa 15 bis 20 Leute würden der „Kerntruppe“, wie Lukas sie nennt, regelmäßig helfen.

Einige waren auch am Sonntag, 31. März, beim Foto-Shooting der neuen Kollektion auf dem Hof Selhorst in Herbern mit dabei. Ab Mitte April gibt es in der nächsten Bestellwelle neue Hoodies mit neuem Schnitt und viele neue Farben. Mehr will Lukas nicht verraten. Und da wirkt er eben doch wie ein alter Hase im Geschäft.

  • Mitte April startet die nächste Bestellwelle. Die fünf Gründer von „Bauernkind“ bieten Kapuzenpullover (Hoodies), Pullover, T-Shirts, Mützen, Turnbeutel und Strampler für Babys an.
  • Der Bestseller, ein Hoodie in der Farbe Navy blue, kostet etwa 59,90 Euro. Bei der letzten Bestellwelle seien etwa 350 Bestellungen eingegangen, erzählt Lukas Meyer-Tonndorf.
  • Laut eigenen Angaben geht es den fünf Gründern nicht hauptsächlich darum, Geld mit der Modelinie zu verdienen. Vielmehr möchten sie sich dafür stark machen, dass positiver über das Thema Landwirtschaft und Landleben diskutiert wird, erklärt Lukas Meyer-Tonndorf.
  • Weitere Informationen gibt es unter www.bauernkind.de
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