Wernes Bürgermeister spricht im Corona-Chat über den schwierigen Weg aus dem Shutdown

hzCorona in Werne

Seit gut acht Wochen hat die Corona-Krise Werne im Griff. Nun gibt es Lockerungen. Doch der Weg aus dem Shutdown heraus ist laut Bürgermeister Lothar Christ noch anspruchsvoller als hinein.

Werne

, 16.05.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die Corona-Krise hat Werne nach wie vor fest im Griff. Auch wenn inzwischen immer mehr Lockerungen greifen, stehen Bürger, Behörden und Politik weiterhin vor großen Herausforderungen. Das hat Wernes Bürgermeister Lothar Christ am Mittwoch (13. Mai) in einem Video-Chat mit unserer Redaktion und Zuschauern mehrfach betont. Einen Auszug aus dem Interview lesen Sie hier. Das komplette Video-Interview finden Sie am Ende dieses Textes.

Herr Christ, die Corona-Krise dauert nun schon seit gut zwei Monaten an. Wie ist Werne bislang durch diese Krise gekommen?

Ich denke schon, dass wir – und damit meine ich die gesamte Bevölkerung – das bisher insgesamt gut bewerkstelligt haben. Ich hätte nicht gedacht, dass sich die Welt und die Regeln so schnell ändern können. Dass wir jetzt einen erheblichen Rückgang bei den Neuinfektionen haben, ist ein großer Erfolg. Ein Erfolg der Behörden und der Politik, aber auch der Bürger. Alle mussten viel Akzeptanz aufbringen und Disziplin zeigen.

Was war die bisher größte Herausforderung?

Das schnelle Umschalten – vor allem aus Sicht der Verantwortlichen. Alles, was gestern noch Gültigkeit hatte, galt heute plötzlich nicht mehr. Kontaktsperre, abgesagte Veranstaltungen und Schulunterricht, Maskenpflicht – das alles kam ja teilweise von jetzt auf gleich. Und natürlich mussten auch die Bürger diesen Weg mitgehen und die Maßnahmen nachvollziehen können. Das war schon eine große Herausforderung für uns alle. Aber es wird nicht die letzte gewesen sein. Die Krise ist noch nicht vorbei. Und wir merken aktuell bereits, dass sie ihre Spuren hinterlässt. Insbesondere bei den Firmen und Gastronomen.

Inzwischen greifen immer mehr Lockerungsmaßnahmen. Über welche davon haben Sie sich persönlich am meisten gefreut?

Ich selbst bin direkt zum Friseur gegangen (lacht) und dann mit meinem Sohn auf den Kinderspielplatz. Letztlich bin ich aber froh über jeden einzelnen Schritt. Es freut mich für die Bürger und die Wirtschaft, die nun zumindest teilweise wieder funktionieren kann. Man sieht auch, wie erleichtert die Menschen sind. Aber ich habe noch niemanden gesehen, der deswegen Luftsprünge gemacht hat. Und das ist auch gut so, denn wir sollten verantwortungsvoll mit den Lockerungen umgehen.

Sind das denn alles die richtigen Schritte zur richtigen Zeit? Oder kommt einiges womöglich zu früh?

Grundsätzlich begrüße ich diese Schritte. Man muss allerdings auch auf den Anfang zurückblicken, auf die Einführung der Maßnahmen, die Einschränkungen für uns alle bedeuteten: Im März mussten wir in Deutschland befürchten, dass eine Epidemiewelle über uns hereinbricht, wie wir sie in Spanien und Italien erleben. Dazu ist es aber nicht gekommen.

Und das hat gute Gründe: Es liegt an den Entscheidungen, die getroffen wurden und an der Disziplin der Bevölkerung. Wenn wir schauen, wo wir heute stehen, dann ist es aus meiner Sicht richtig, dass es nun diese Lockerungen gibt. Ich halte es auch für sehr klug, dass man jetzt ortsscharf trennt und schaut, wo die Regelungen funktionieren und wo nicht.

Die Stadt hat die Einhaltung der bisherigen Auflagen strikt kontrolliert. Wie wirken sich die Lockerungen nun auf die Arbeit der Kontrolleure aus?

Der Weg in den Shutdown war nicht einfach, aber der Weg hinaus ist noch einmal anspruchsvoller. Das hängt damit zusammen, dass die Erwartungen jetzt sehr groß sind. Die Leute erwarten, dass vieles jetzt wieder funktionieren muss – vom Besuch in der Eisdiele oder im Restaurant bis hin zu den Sportvereinen. Unsere Kontrolleure können aber nicht überall gleichzeitig sein. Zudem kontrollieren wir nicht nur, sondern wir leisten auch Support und besprechen etwa mit den Gastronomen, wie sie die neuen Regelungen umsetzen können.

Gastronomen und Händler trifft die Krise besonders hart. Inwiefern kann die Stadt diesen Menschen überhaupt helfen?

Wir haben natürlich die Sorge, dass es für einige wirtschaftlich eng wird. Daher wollen wir partnerschaftlich mit den Geschäftsleuten zusammenarbeiten. Wir wollen großzügig sein, wenn es darum geht, die Außengastronomie zu erweitern. Wenn jemand in Schwierigkeiten gerät, weil er Steuern und Gebühren nicht leisten kann, soll er uns ansprechen. Dann sind wir gewillt, Stundungen auszusprechen. Und wir versuchen, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit wieder mehr Leben in die Stadt kommt.

Wir brauchen Frequenzbringer wie den Wochenmarkt, wir brauchen aber auch Alternativen für Veranstaltungen, die aktuell nicht stattfinden können. Statt des Blumen- und Spargelmarktes gibt es nun einen „Wochenmarkt extra“. Wenn wir „Donnerstags in Werne“ nicht wie in den vergangenen Jahren ausrichten können, dann besteht zumindest die Möglichkeit, es in Form eines größeren Biergartens stattfinden zu lassen. Wir sind uns aber bewusst, dass die Situation herausfordernd ist – vor allem für die Gastronomen.

Eine besondere Herausforderung ist sicherlich auch die Situation in Kitas und Schulen – wie schätzen Sie die Lage dort aktuell ein?

Das ist keine einfache Aufgabe. Wir hatten anfangs nur den Notbetrieb und wenige Kinder, die in Kitas und Schulen betreut werden mussten. Dann kamen die Lockerungen – und zwar anders als gedacht. Bei den Kitas ist die Situation beispielsweise so, dass einerseits immer mehr Kinder hinzukommen.

Andererseits haben wir die Auflage, dass sie nur in sehr kleinen Gruppen betreut werden dürfen und dass Erzieher, die zur Risikogruppe gehören, die Kinder nicht betreuen dürfen. Dadurch brennt sozusagen die Lunte von zwei Seiten: Man hat weniger Personal aber mehr Kinder. Bis dato können die Kindergartenträger das personell noch gut stemmen. Ich klopfe auf Holz, dass es weiter so gut klappt.

Lässt sich aus der Krise denn auch etwas Positives ziehen? Inwiefern können wir aus der Krise lernen?

Ein Satz wie „In einer Hinsicht war Corona gut…“ kommt mir nicht über die Lippen. Das ist schon eine schlimme Krise. Aber ich habe in den vergangenen Wochen einen starken Zusammenhalt bemerkt und dass wir uns auf das Wesentliche besonnen haben: auf unsere Gesundheit. Und das ist definitiv etwas Gutes.

Video
Corona-Chat mit Wernes Bürgermeister Lothar Christ

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