Zwischen Schutzkeller und Russenlager: So erlebte Werne die letzten Monate des Zweiten Weltkriegs

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Die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz jährt sich am 27. Januar zum 75. Mal. Ebenso wie das Ende des Zweiten Weltkriegs am 8. Mai. Werner Zeitzeugen berichten von ihren damaligen Erlebnissen.

von Heidelore Fertig-Möller

Werne

, 27.01.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Mit der Geschichtswerkstatt legten das Stadtmuseum, die Volkshochschule und der Heimatverein Werne 1995 einen wichtigen Grundstein dafür, dass die schrecklichen Erlebnisse der Werner Bürger aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs bis heute überliefert sind. 25 Werner kamen 1995 ins Museum, um von ihren Erlebnissen während des Zweiten Weltkrieges zu berichten – und sie schließlich in einer Broschüre zu veröffentlichen, von der heute nur noch wenige Exemplare existieren. Nicht alle dieser Zeitzeugen leben noch. Ihre Geschichten aber leben weiter. Wir geben einen Auszug daraus.

Die ersten Bomben über Werne

Benno Weißner berichtet unter anderem von den ersten Bomben in Werne im Jahre 1940: In der Nacht vom 30. zum 31. August 1940 wurden wir unsanft aus dem Schlaf geweckt. Das Gehöft Südfeld an der Selmer Landstraße war um Mitternacht durch Brandbomben in Brand gesetzt worden. Einige Zeit später fielen hinter unserem Wohnhaus und hinter dem Schulhaus der alten Schule in Varnhövel sechs Sprengbomben und zerstörten das Wohnhaus unseres Nachbarn Bücker und den Hof Kranemann. Die Einwohner kamen glücklicherweise nicht zu Schaden, nur das Vieh.

In dieser Zeit des Krieges gab es noch kaum Fliegeralarme und es gab auch keinen Luftschutzkeller auf dem Lande. Einen wundertätigen Schutz schrieb man dem vor dem Hof Kranemann stehenden Wegekreuz zu, das völlig unbeschädigt blieb. Zudem explodierte eine Bombe in circa zehn Metern Entfernung zum Kreuz nicht und das Kreuz blieb weiterhin stehen.

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Im Jahre 1943, als ich und meine Kameraden gerade 16 Jahre alt waren, wurden wir als Luftwaffenhelfer in die Stellung einer schweren Flakbatterie nach Münster eingezogen und erlebten die schlimmen Bombenangriffe auf Münster in den Jahren 1943 und 1944. Am 17. April 1945 geriet ich dann in amerikanische Gefangenschaft. Der Krieg war für mich beendet, lebend! Mit 45 Kilo kam ich in einem erbärmlichen Zustand im Juli 1945 nach Werne zurück, dessen Altstadt zum Glück von keiner einzigen Bombe im Gegensatz zu Münster, das schrecklich zerstört worden war, getroffen wurde. Ab Oktober 1945 besuchte ich wieder das Gymnasium in Lünen.
Zwischen Schutzkeller und Russenlager: So erlebte Werne die letzten Monate des Zweiten Weltkriegs

Felix und Irmgard Vehring als Kiepenkerl und Bäuerin. © Archiv Fertig-Möller

Irmgard Vehring, Ehefrau des damaligen ersten Vorsitzenden des Heimatvereins Werne, Felix Vehring, berichtet von ihren Erlebnissen zum Ende des Krieges: In den letzten Monaten vor dem Einzug der Amerikaner in Werne gab es oft Tag und Nacht Fliegeralarm. In der Nähe unseres Hauses an der Lippestraße im Evenkamp war ein Luftschutzkeller. Wir waren acht Kinder, und ich war mit fast 16 Jahren die älteste.

Der Keller war ausgestattet mit zwei hölzernen Pritschen mit Strohsäcken darauf. Dort legten wir unsere kleinen Kinder hin und sie schliefen sofort weiter (...) Außer uns waren noch drei weitere Familien im Keller. Leider lag dieses Haus ziemlich nahe am Weihbach und wer zuerst in den Keller kam, musste manchmal die dicken Wasserratten verjagen, die an den Strohsäcken geknabbert hatten – sie kamen durch die Abflussrohre.

Zwischen Schutzkeller und Russenlager: So erlebte Werne die letzten Monate des Zweiten Weltkriegs

So sah der russische Friedhof in Werne am Südring um 1950 aus. © Förderverein Stadtmuseum


Im März 1945 konnte man kaum noch irgendwo hingehen, ohne vom Fliegeralarm oder von Tieffliegern überrascht zu werden. Das sogenannte Russenlager, wo die Kriegsgefangenen aus Russland gefangen gehalten wurden, lag zwischen der Lippestraße, der Stockumer Straße und dem damaligen Waldweg und ging bis etwa dahin, wo heute die Straße Beckingsbusch und Marie-Juchacz-Straße ist.
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Das Lager bestand aus mehreren Baracken und keiner von uns durfte sich auch nur in die Nähe davon wagen. So haben wir auch kaum etwas von den dortigen schrecklichen Verhältnissen erfahren. Erst nach Kriegsende wurde der russische Friedhof am Südring für die toten Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter errichtet. Später, als die Vertriebenen und Flüchtlingen aus dem Osten kamen, haben diese noch viele Jahre in den Baracken gewohnt, bevor sie eine eigene Wohnung in Werne bekamen.

Endlich wieder durchschlafen

Ein weiterer Bericht von Irmgard Vehring berichtet über die amerikanischen Panzer, die zu Karfreitag Ende März 1945 Werne einnahmen, indem sie mitten auf den Marktplatz von Werne hielten: Das einzige, was an diesem Tage für mich und meine Familie wichtig war: Es gab keinen Fliegeralarm mehr, keine Tiefflieger, kein Hocken im Luftschutzkeller. Man konnte endlich wieder durchschlafen!
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