Wiedereröffnung in Werne: Hamsterkäufe und distanzlose Kunden

Geschäfte in Werne

Seit dem 20. April dürfen kleine Geschäfte wieder öffnen. Die Werner Einzelhändler berichten von Bastelartikel-Hamsterkäufen und Kunden, die die neuen Sicherheitsmaßnahmen nicht ernst nehmen.

Werne

, 21.04.2020, 15:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Tedi-Teamleitung Deborah Wollenberg (32) freut sich über die Wiedereröffnung. Im Tedi herrscht nun Körbchenpflicht. Besonders beliebt sind am Eröffnungstag Bastelartikel.

Tedi-Teamleitung Deborah Wollenberg (32) freut sich über die Wiedereröffnung. im Tedi herrscht nun Körbchenpflicht. Besonders beliebt sind am Eröffnungstag Bastelartikel. © Sylva Witzig

„Ich bin so froh, wieder arbeiten zu dürfen. Zuhause ist mir die Decke auf den Kopf gefallen und ich habe jeden Tag gehofft, dass es bald vorbei ist“, berichtet Heike Voß, Angestellte bei Mode Kroes. Am Tag der Wiedereröffnung sei es im Geschäft bereits „sehr lebhaft“ gewesen, beinahe so wie vor der Corona-Krise. Voß freut sich, wieder für die Kunden da sein zu dürfen - wenn auch mit gebührendem Abstand und mit Mundschutz.

Den würden auch einige der Kunden tragen. Die Kunden seien zudem vorsichtiger geworden. „Wir bitten die Kunden, möglichst nur das anzufassen, was sie auch wirklich kaufen möchten. Die Meisten machen das schon von sich aus und kaufen die Ware nun, ohne sie anzuprobieren“, so die Angestellte. Beliebt sei in den ersten Stunden nach der Wiedereröffnung vor allem luftige Sommermode gewesen. Auch Bettwäsche war gefragt.

Neue Körbchenpflicht im Tedi

Trotz aller Vorfreude sei Voß zunächst skeptisch gewesen, ob überhaupt Kunden kommen würden. Schließlich sollten die Bürger nach Möglichkeit weiterhin daheim bleiben. Doch die Zweifel der Angestellten waren unbegründet: Die Damen konnten es kaum abwarten, wieder frische Mode zu kaufen.

Heike Voß (44), Angestellte von Mode Kroes, freut sich, endlich wieder arbeiten gehen zu dürfen.

Heike Voß (44), Angestellte von Mode Kroes, freut sich, endlich wieder arbeiten gehen zu dürfen. © Sylva Witzig

Einen richtigen Ansturm konnte Tedi vermelden. In den ersten beiden Stunden nach der Eröffnung wurden bereits rund 70 Kunden bedient. Damit es im Geschäft nicht zu Gedränge kommt, wurde dort die Kundenzahl auf 29 reduziert. Um das zu kontrollieren, gibt es eine Körbchenpflicht. Wer in den Laden kommt, muss einen Einkaufskorb mitnehmen - auch wenn er nur schauen will.

Große Distanz oder dem Vordermann im Nacken: Kaum Mittelmaß

Eine der Angestellten steht am Eingang, um die Kunden auf die neue Regelung hinzuweisen. Manche Kunden reagieren jedoch mit Unverständnis und wollen diskutieren. „Ohne Korb kommt niemand rein. Da helfen keine Ausreden. So mancher versucht, einfach an uns vorbeizurauschen“, erzählt Teamleiterin Deborah Wollenberg. Entweder seien die Kunden sehr vorsichtig und hielten einen großen Abstand oder sie seien völlig distanzlos. Ein gesundes Mittelmaß gäbe es da selten.

Wer einmal ein Körbchen in der Hand hat, packt es auch voll: kämen üblicherweise die Kunden für wenige Teile in den Laden, könne man laut Wollenberg nun von kleinen Hamsterkäufen sprechen. Vor allem die Bastelabteilung werde stark frequentiert, allen voran die Gummibänder zum Nähen von Stoffmasken. Außerdem wurden bereits einige Müllsäcke in den ersten Stunden verkauft.

Ständige Desinfektion und längere Wartezeiten

An der Kasse werden die Waren von der Kassiererin ausgepackt und die Körbe desinfiziert. Generell werde Desinfektion groß geschrieben, erzählt die Teamleiterin. Die Angestellten haben stets eine Flasche Desinfektionsmittel bei sich. Wollenberg rechnet damit, dass der Ansturm in der kommenden Woche wieder abebbt. Wer möglichst wenige andere Kunden um sich habe möchte, solle in den Mittagsstunden zwischen 12 und 15 Uhr vorbeikommen.

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Während sich die meisten Kunden über Schnäppchen und Bummelmöglichkeiten freuen, bringen andere wenig Geduld mit. Durch die Abstandsregelungen kommt es an den Kassen schnell zu Verzögerungen. „Ich wollte nur Kleinigkeiten kaufen, aber als ich die Schlange an der Kasse gesehen habe, bin ich wieder gegangen. Das dauert mir zu lange“, erzählt eine Wernerin, die mit leeren Händen den Laden verläßt.

Abstandsmarkierungen wie bei Mode Kroes sind in den Werner Geschäften gang und gäbe.

Abstandsmarkierungen wie bei Mode Kroes sind in den Werner Geschäften gang und gäbe. © Sylva Witzig

Ohne Wäscheklammer kein Zutritt

Deutlich entspannter lief es am ersten Tag bei Schuh Okay. „Wir hatten schon ein wenig Angst, dass es einen großen Andrang gibt und wir den Kunden nicht gerecht werden. Doch die Leute kommen nach und nach, so wie an einem ganz normalen Tag“, berichtet Filialleiterin Nina Koncser. Ähnlich wie bei Tedi gibt es im Schuhgeschäft eine Einlassbeschränkung.

Wer Schuhe bei Schuh Okay kaufen möchte, muss sich nun am Eingang eine Wäscheklammer nehmen. Dadurch wird gezählt, wie viele Kunden gerade im Laden sind. 15 sind erlaubt.

Wer Schuhe bei Schuh Okay kaufen möchte, muss sich nun am Eingang eine Wäscheklammer nehmen. Dadurch wird gezählt, wie viele Kunden gerade im Laden sind. 15 sind erlaubt. © Sylva Witzig

Wer rein möchte, muss sich eine von 15 Wäscheklammern an der Tür nehmen. Dort befindet sich auch ein Desinfektionsspender. „Zwei Damen hatten keine Lust, sich eine Klammer zu nehmen und sind direkt wieder gegangen. Man muss es jedem erklären“, so die Filialleiterein. Im Schnitt sei die Resonanz bisher allerdings sehr positiv und die Kunden seien froh, sie wiederzusehen.

Drückt der Schuh? Das Augenmaß muss nun entscheiden

Der nahe Kundenkontakt fehle Koncser und dadurch, dass sie nicht mehr fühlen darf, ob der Schuh passt, sei das geschulte Auge noch mehr als zuvor gefragt. Gerade bei älteren Kunden, denen man sonst auch mal in die Schuhe hilft, falle das Abstandhalten schwer. „Man schaut jetzt ganz genau, wo die Kunden und Mitarbeiter gerade sind und läuft im Laden dann Umwege, um den Abstand einzuhalten. Daran muss man sich erstmal gewöhnen“, so die Filialleiterin.

Nina Koncser (45), Filialleitung von Schuh Okay, freut sich über ihre respektvollen Kunden. Nur wenige würden die Regel, am Eingang eine Klammer zu nehmen um die Kunden zu zählen, nicht verstehen.

Nina Koncser (45), Filialleitung von Schuh Okay, freut sich über ihre respektvollen Kunden. Nur wenige würden die Regel, am Eingang eine Klammer zu nehmen um die Kunden zu zählen, nicht verstehen. © Sylva Witzig

Dennoch ist Konscer froh, wieder arbeiten zu dürfen: „Ich war jeden Tag im Geschäft. Plötzlich wurde das vor einem Monat von 100 Prozent auf 0 Prozent heruntergefahren. Da geht man viel spazieren, macht Hausarbeiten und langweilt sich ab einem gewissen Punkt. Jetzt kann ich endlich wieder 100 Prozent geben.“ Bei längeren Kundengesprächen tragen die Angestellten nun eine Stoffmaske.

Sandalenkauf ist Frauensache

Um das Infektionsrisiko bei der Anprobe zu verringern, sind Überzieh-Socken Pflicht. Ansonsten gäbe es bislang noch keine Möglichkeit, die Schuhe nach der Anprobe zu desinfizieren, da das Material darunter leiden würde. Am ersten Verkaufstag seien Sandalen und Wanderschuhe besonders beliebt gewesen. Zudem sei die Frauenquote hoch gewesen - Männer hätten es mit dem Schuhkauf offensichtlich nicht so eilig.

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