Corona-Impfungen bei Kindern unter 12 Jahren sind noch nicht zugelassen, rücken aber immer mehr in den öffentlichen Fokus. © picture-alliance/ dpa

Kinderärztin zu Corona-Impfung bei Kindern: „Vertrauen Sie ein Stück weit den Institutionen“

Die Kinderärzte in Werne erreichen immer mehr Nachfragen nach Impfungen für Kinder und Jugendliche. Jasmin Lidgett und Dr. Michael Gilbert warnen davor, falschen Informationen aufzusitzen.

„Es ist gut, dass wir bald auch einen Impfstoff für die über 12-Jährigen haben“, sagt die Werner Kinder- und Jugendärztin Jasmin Lidgett. Der Corona-Impfstoff der Unternehmen Biontech und Pfizer ist in dieser Woche in den USA für Kinder ab 12 Jahren zugelassen worden. Auch in der EU haben die beiden Unternehmen eine Zulassung bei der EMA – der Europäischen Arzneimittelagentur – beantragt, für Jugendliche ab 12 Jahren.

Jugendliche ab 16 Jahren werden schon jetzt geimpft, sofern sie in die freigegebene Priorisierungsgruppen in Deutschland fallen – durch Vorerkrankungen. Jasmin Lidgett hat in ihrer Praxis in Werne vor etwa drei Wochen mit dem Impfen gegen das Coronavirus begonnen. Sie schätzt, bisher etwa rund 30 Jugendliche geimpft zu haben – darunter Jugendliche mit Schwerstbehinderungen, chronischen Erkrankungen oder einer Pflegestufe. 76 seien es inklusive der Eltern und Großeltern pflegebedürftiger Jugendlicher gewesen.

Das Paul-Ehrlich-Institut

  • Das Paul-Ehrlich-Institut ist das Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel.
  • Es bewertet biomedizinische Arzneimittel für den Menschen sowie immunologische Tierarzneimittel und lässt diese Arzneimittel zu.

In der Kinderarztpraxis von Dr. Michael Gilbert wurden in den vergangenen fünf Wochen seit Impfstart circa 80 Eltern und Jugendliche geimpft. Darunter Kinder mit Diabetes, Asthma, neuromuskulären und Autoimmun-Erkrankungen. „Das sind ja einige, die da in Frage kommen“, so Gilbert.

Lidgett ist zuversichtlich, dass der Impfstoff von Biontech und Pfizer in der EU bald auch für die 12- bis 15-Jährigen freigegeben werden könnte. Nun sei noch abzuwarten, wie das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) diese Möglichkeit bewerte. „In der Regel wird es dann von der Stiko [Ständigen Impfkommission, Anm. d. Red.] beleuchtet“, sagt Lidgett. Zusammen mit dem Robert-Koch-Institut (RKI) werde dann geschaut, ob man eine Impfempfehlung ausspreche. Sie rechne schon damit, sagt die Werner Ärztin. Wann genau das aber erfolgen werde, seit derzeit noch nicht absehbar. Stand jetzt rechne sie mit etwa drei bis vier Wochen.

Gilbert haben schon früh einige Anfragen zu Impfungen von Kindern erreicht. Fahrt aufgenommen habe das aber insbesondere in den vergangenen zwei Monaten, seit das Thema auch in den Medien stärker in den Fokus rücke. „Es rufen jeden Tag Leute an und fragen.“

Schon seit Pandemiebeginn habe es ab und zu Eltern gegeben, die sich nach einer Impfung für ihre Kinder und Teenager erkundigten, sagt Lidgett. Am Anfang habe man die Eltern komplett vertrösten müssen, da es noch gar keinen zugelassenen Impfstoff für Kinder und Jugendliche gegeben habe. Durch die mediale Aufmerksamkeit für das Thema habe die Nachfrage auch in ihrer Praxis zugenommen, so Lidgett. „Es wird viel medial diskutiert.“

Eltern machen sich Sorgen um die Fruchtbarkeit ihrer Töchter

Leider seien dadurch aber auch einige Irrglauben in die Welt gesetzt worden. Etwa der, dass die Impfung unfruchtbar machen könne. Eine Sorge, die insbesondere Eltern junger Mädchen mit der Ärztin teilten. „Es ist schwierig, dagegen anzukommen. Da haben die sozialen Medien ‚gute Arbeit’ geleistet.“ Erst kürzlich habe Gilbert ein Gespräch mit einem jungen Mädchen gehabt, das nun geimpft werden soll und an einer Grunderkrankung leide. „Das hatte Sorge, da es später Kinder kriegen wolle. Alles, was man über den mRNA-Impfstoff von Biontech-Pfizer weiß, spricht dagegen, dass man sich da Sorgen machen muss.“

Das Gerücht um die Unfruchtbarkeit durch die Coronaimpfung sei durch falsche Informationen in die Welt gesetzt worden, so Lidgett. Und was im Internet stehe, werde dann auch schnell geglaubt. In einer Stellungnahme erklärte das Universitätsklinikum Jena, dass die mRNA-Impfstoffe von Biontech-Pfizer und Moderna an der Injektionsstelle Proteine produzieren, die der Oberfläche des Coronavirus ähneln. Dadurch werden die Immunzellen aktiviert, die spezifische Antikörper gegen das Virus bilden.

„Das Corona-Spike Protein besteht aus 1273 Aminosäuren. Darin enthalten ist die aus 5 Aminosäuren bestehende Sequenz VVNQN“, heißt es dort weiter. Eine ähnliche, aber nicht identische Sequenz befinde sich in einem Protein aus 538 Aminosäuren, das in der menschlichen Plazenta gebildet wird (VVLQN). Nun werde behauptet, dass durch die Immunantwort durch die Impfung nicht nur das Coronavirus, sondern auch das Protein in der menschlichen Plazenta angegriffen werde und so zu Unfruchtbarkeit führe, so die Klinik weiter. „Diese Behauptung ist höchst unwahrscheinlich und durch die bisherigen Erfahrungen mit COVID-19 erkrankten Schwangeren nicht bestätigt.“

„Da muss man schon molekularbiologisch argumentieren“, sagt Lidgett. Ein weiterer Irrglaube: dass der mRNA-Impfstoff von Biontech-Pfizer die Gene verändern würde. Dabei werde die mRNA-Technologie bereits erfolgreich in der Krebstherapie angewendet – ein Argument, das dann wieder für Beruhigung bei den Eltern sorge, so Lidgett. Noch immer sei es schwierig, Eltern von der Sicherheit der Impfstoffe zu überzeugen. „Die Eltern, die aktiv nachfragen, haben weniger Sorgen.“ Die Sorgen lägen eher bei den Eltern, die die Ärztin aktiv nach dem Thema frage.

Der Beratungsaufwand bei denen, die es nicht automatisch wollen, sei nach wie vor da. Wenn mehr ab 12-Jährige geimpft würden und sich das rumspreche und es auf den Urlaub zugehe, dann gehe das mit dem Impfen ganz schnell, sagt Lidgett und muss ein bisschen lachen. Gilbert hofft, dass das PEI nicht dem massiven politischen Druck nachgebe und den Impfstoff weiter gut und kritisch prüfe. Urlaub alleine könne nämlich nicht der Haupttreiber für eine schnelle Freigabe sein. „Ich glaube, wenn das freigegeben wird, werden sich relativ viele impfen lassen“, so der Werner Arzt.

Weniger auf soziale Medien und Mundpropaganda vertrauen

Lidgett empfiehlt, sich weniger in sozialen Medien und über Mundpropaganda zu informieren, sondern die Sorgen lieber mit dem eigenen Hausarzt zu besprechen. „Vertrauen Sie ein Stück weit den Institutionen wie dem Paul-Ehrlich-Institut, das den Impfstoff auf Herz und Nieren prüft und dann dem impfenden Arzt, der immer auch Verantwortung dem Kind gegenüber hat.“

„Wenn es eine Stiko-Empfehlung gibt, dann würde ich das auch guten Gewissens impfen“, sagt Lidgett. „Ich habe nichts davon, Ihr Kind zu impfen, wenn es ihm schadet. Die Erkrankung bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen kann einen so schweren Verlauf haben, dass man in Abwägung zur Impfung raten kann. Ich denke schon, dass das Sinn macht, die zu impfen angesichts der hohen Inzidenzen und der Testungen.“ Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin sehe Kinder und Jugendliche eher nicht als Pandemietreiber. „Aber wir wissen es alle nicht so genau“, sagt Lidgett.

Grund dafür sei, dass die Studienlage für die Bewertung noch zu dünn sei. Ebenso wie für die Frage, ob die Impfstoffe langfristig auch für die ganz kleinen Kinder ab 0 oder 6 Jahren geeignet seien. „Das wird noch dauern, weil die Studien dazu noch genauer erfolgen müssen. Ich denke nicht, dass die Stiko das vor Anfang nächsten Jahres freigibt“, sagt Lidgett. Die Stiko müsse sich dazu äußern, ob eine Impfung für die kleinsten Kinder und entsprechend für die Pandemie im Allgemeinen von Nutzen sei. Gilbert vermutet, dass auch noch einmal Dosisfindungsstudien für Kinder stattfinden müssten. Denn die 12- bis 15-Jährigen ähnelten dem Körperbau von Erwachsenen, auf die die Dosisempfehlungen derzeit ausgelegt sind, schon eher. Nicht aber ein Kind mit einer Körpermasse von 7 Kilo.

Über die Autorin
Redakteurin
Gebürtige Münsterländerin, seit April 2018 Redakteurin bei den Ruhr Nachrichten, von 2016 bis 2018 Volontärin bei Lensing Media. Studierte Sprachwissenschaften, Politik und Journalistik an der TU Dortmund und Entwicklungspolitik an der Philipps-Universität Marburg. Zuletzt arbeitete sie beim Online-Magazin Digital Development Debates.
Zur Autorenseite
Avatar