„Wenn das Kind am Rande des Brunnens taumelt“: Die große Reportage vom Klimastreik in Werne

Klimastreik in Werne

Wie leben unsere Kinder in 40 Jahren? Rund 550 Menschen zogen am Freitag für eine bessere Klimapolitik durch Werne. Es wurde laut, es wurde provokant. Der Bürgermeister fragte nach dem Gen-Defekt.

Werne

, 20.09.2019, 17:45 Uhr / Lesedauer: 3 min
„Wenn das Kind am Rande des Brunnens taumelt“: Die große Reportage vom Klimastreik in Werne

Kinder und Jugendliche demonstrierten am Freitag für ihre Zukunft. © Vanessa Trinkwald

Der kleine Fratz, der am Freitag von seiner Mama hinter der improvisierten Bühne auf dem Solebadparkplatz am Hagen gewickelt wurde, konnte noch nicht wissen, wo genau er da war. Viel los war am Freitag, das hat er wohl registriert.

Wo lebt dieser kleine Fratz in 40 Jahren? Wie lebt er? Wie gut lebt er? Die vielen Menschen, die sich um 12 Uhr auf dem Parkplatz versammelt hatten, würden ihm wohl ein gutes Leben wünschen. Aber kann man das gewährleisten?

Rund 550 Menschen waren es in der Spitze, die am Tag des globalen Klimastreiks durch die Innenstadt zogen. Für die erste Demo dieser Art in Werne ein für die Organisatoren Wahnsinns-Ergebnis. „Wenn ich das sehe, kriege ich Gänsehaut“, sagte Andreas Drohmann von der Werner „Parents for Future“-Gruppe, der die Demo angemeldet hatte.

250 Menschen hatte man sich erhofft, mit 250 Menschen konnte man im Vorfeld rechnen. Dass sich Werne einmal so sehr aufrappelt, damit wohl nicht.

Viertklässler der Wiehagenschule ziehen vorneweg

Unter den Aktivisten: Familie Csellich aus Rünthe. Mutter Alexandra (38) war mit ihren Kindern nach Werne geradelt und sei im Vorfeld auch schon bei weiteren Demonstrationen gewesen. „Warum sind wir hier, Ben“, fragte sie ihren achtjährigen Sohn. „Weil ich nicht will, dass die Tiere sterben.“

„Wenn das Kind am Rande des Brunnens taumelt“: Die große Reportage vom Klimastreik in Werne

Der achtjährige Ben aus Rünthe: "Ich will nicht, dass die Tiere sterben", sagte er. © Vanessa Trinkwald

Kinder sind in ihren Antworten einfacher gestrickt, könnte man sagen. Aber ist es nicht so einfach? Wollen denn die, die an diesem Tag nicht da waren und ihre Stimme erhoben haben, dass die Tiere sterben?

Es war nicht nur einmal, da stiegen Margaretha Winkelmann von der Werner „Parents for Future“-Bewegung die Tränen in die Augen. „Ich habe richtig Gänsehaut“, sagte auch sie ins Mikro, als der vierte Jahrgang der Wiehagenschule um Schulleiterin Klaudia Funk-Bögershausen lautstark zum Hagen zog. Mit im Unterricht gebastelten Plakaten und einer ganz klaren Forderung für mehr Klimaschutz.

„Wenn das Kind am Rande des Brunnens taumelt“: Die große Reportage vom Klimastreik in Werne

Die Viertklässler der Wiehagenschule zogen lautstark zum Hagen. © Vanessa Trinkwald

Klimaquerfront aus dem rechten Lager?

Neben Margaretha Winkelmann waren es Redner wie Winfried Hoch vom ADFC und der aus Werne stammende Student Hannes Bartsch (27), die vor den Protestlern auf den „drohenden Klimakollaps“ aufmerksam machten: „Niemand schießt derweil so aggressiv gegen Fridays for Future wie die AfD“, äußerte sich Bartsch zum Rechtsruck, der seiner Meinung nach eine Gefahr für die Klimabewegung darstellt.

„Eine Klimaquerfront“, sagte der Student der Sozialwissenschaften, „versucht, den eigenen Wohlstand mit dem Messer zu verteidigen – gegen all die, denen Wasser und Nahrung in ihren Ländern zu knapp wird.“

Keine Angst vor Kritik und Hass

„Wir unterstehen alle einem System, das uns vergiftet.“
Martina Haase, Parents for Future Werne

Junge Menschen, die politisch sind, die sich hinstellen und erst mal keine Angst haben vor Kritik und Hass – es gibt Leute, die erkennen das an, wiederum andere belächeln sie dafür. Heuchler, Scheinheilige, das sind Begriffe, die im Raum stehen und gerne auf Facebook die Runde machen.

„Lasst euch nicht einreden, ihr seid scheinheilig“, sagte Martina Haase, die Mit-Initiatorin einer Unterschriftenliste für den Klimanotstand in Werne. „Wir unterstehen alle einem System, das uns vergiftet.“ Da war die Menschenmasse bereits vom Hagen durch die Innenstadt über den Roggenmarkt zum Stadthaus gezogen.

Sie waren laut, sie sangen das Lied der Klima-Bewegung, hielten ihre selbst gebastelten Schilder hoch: „Die Dinosaurier dachten auch, sie hätten Zeit“, stand auf einem.

Kritik an weiterführenden Schulen

Es waren nicht nur Kinder und Jugendliche gekommen, sondern auch Eltern, Großeltern, Politiker, Vertreter der Stadt, Schulleiterin Klaudia Funk-Bögershausen und Berufskolleg-Leiter Helmut Gravert mit einigen Kollegschülern.

Und die anderen? Grundschulen? Weiterführende Schulen? AFG? Christophorus? Sekundarschule? „Da ist noch viel Luft nach oben“, kritisierte Organisator Andreas Drohmann.

„Wenn das Kind am Rande des Brunnens taumelt“: Die große Reportage vom Klimastreik in Werne

Bürgermeister Lothar Christ sprach während der Abschlusskundgebung am Stadthaus. © Vanessa Trinkwald

Einer, der ebenfalls sehr deutlich wurde an diesem Tag, war Bürgermeister Lothar Christ: „Ich frage mich, welchen Gen-Defekt wir Menschen haben, dass wir immer erst handeln, wenn das Kind schon am Rande des Brunnens taumelt“, fragte das Stadtoberhaupt, gab zu, auch selbst noch an sich arbeiten zu müssen – und gab auch zu, dass die Stadt Werne ganz am Anfang stehe.

Auf Antrag einzelner Fraktionen werde man das Thema in den kommenden Fachausschüssen behandeln. „Wird der Bürgermeister dem Klimanotstand zustimmen“, fragte eine kritische Stimme. Ein eindeutiges „Ja“ gab es an diesem Tag nicht.

Was tust du für den Klimawandel?

Da standen sie vor dem Stadthaus, hörten das Rattern der Autos im Hintergrund – und irgendwo zwischen all den Rufen und Forderungen waren auch die Glocken der evangelischen Kirche zu hören gewesen. „Jeder von uns muss bei sich anfangen“, sagte der evangelische Pfarrer Alexander Meese.

Und auch Dr. Hermann Steiger von der Arbeitsgemeinschaft Flüchtlinge schlug in diese Kerbe: „Denke nicht zuerst daran, was deine Stadt für den Klimawandel tut, sondern was du dafür tust.“

Ein andere kleiner Fratz, der auf der Treppe des Stadthauses sein Brötchen mampfte, dachte daran noch nicht.

Wie er wohl in 40 Jahren lebt?

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