Darum berichten wir immer nur negativ, nie positiv

hzKolumne Klare Kante

„Ihr berichtet immer nur negativ. Nie schreibt ihr was Positives.“ Diese Klagen über die unabhängigen Medien höre ich seit meiner Ausbildung. Erst neulich wieder. Stimmt das vielleicht?

Werne

, 09.10.2019, 14:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Anlass war das Gespräch mit einem Einzelhändler. Der beschwerte sich jüngst bei mir darüber, dass wir „immer nur negativ, nie positiv“ berichten würden. Er nannte keine konkreten Beispiele, sondern nur allgemein unsere Berichte etwa über den Leerstand und über Geschäftsaufgaben in Werne.

Meine Antwort, dass wir genauso oft und eigentlich noch lieber über Geschäftseröffnungen (neue Frauenarztpraxis), Neubaupläne (Edeka am Bahnhof) und Investitionen (Kino-Renovierung) von Händlern berichten würden, passte offenbar nicht in seine destruktive Presse-Weltsicht.

Hat der Mann Recht mit seinen Vorwürfen?

Dennoch: Hat der Mann vielleicht doch Recht? Zumindest in Teilbereichen? Antwort: Es kommt darauf an, wie man in diesem Zusammenhang das Worte-Paar negativ-positiv interpretiert.

Der besagte Kaufmann interpretiert die Adjektive offenbar so - Negative Berichterstattung: Alles, was irgendwie den Geschäftserfolg der Werner Kaufleute belasten könnte. Also etwa die Parkgebühr-Debatte oder Berichte über Geschäftsaufgaben.

Positiv über die Leistungen der Händler berichten?

Als positiv würde er Artikel bewerten, die die hervorragenden Angebote und die tollen Service-Leistungen hiesiger Händler hervorheben. O-Ton: „Sie müssen die Menschen überzeugen, hier in Werne zu kaufen und nicht in fremde Städte zu fahren.“

Mit Verlaub, liebe Kaufleute: Das ist nicht unsere Aufgabe, sondern Ihre. Und vielleicht die des Stadtmarketings. Das ja eigentlich genau das macht: Es organisiert die diversen Feste und Veranstaltungen, die Menschen von außerhalb nach Werne locken. Wenn wir darüber schreiben, ist das meines Erachtens eine positive Berichterstattung für den Standort Werne.

Keine negativen, nur positive Berichte

Aber der Mann hinter der Ladentheke hat anderes im Sinn. Er möchte, dass wir quasi wie ein Verlautbarungsorgan seine Leistungen und die seiner Kollegen würdigen. „Liebe Werner, wenn Sie Schuhe oder Schals, Oberhemden oder Unterhosen, Bücher oder Brillen brauchen - hier in Werne finden Sie alles in Top-Qualität und mit bestem Service.“ Zugegeben, etwas übertrieben. Aber so in etwa stellt sich der Mann offenbar unsere Artikel vor.

Wir sind aber nicht dafür da, das Selbstverständliche hochzujubeln. Dass ein Händler Dinge anbietet und guten Service bietet, halte ich für eine Selbstverständlichkeit. Dafür will der Mann gelobt werden?

Medien verkünden schwerpunktmäßig Neuheiten

Es ist nun einmal so, dass Medien schwerpunktmäßig Nachrichten, also Neuheiten, verkünden. Ist es eine Neuigkeit, dass jeden Tag in Deutschland Tausende Flugzeuge sicher starten und landen? Wollen Sie darüber ausführlich etwas lesen? Oder sind die Flugausfälle durch einen Streik nicht doch die interessantere Nachricht?

Wollen Sie informiert sein über die Mitarbeiter von Amazon, die brav täglich ihre Hunderte Pakete verpacken und dafür ihren Lohn beziehen? Oder ist nicht doch die eine blinde Mitarbeiterin interessanter, für die Amazon einen eigenen Arbeitsplatz eingerichtet hat?

Es darf auch ein bisschen Humor dabei sein

Ich verstehe Leser, die die Häufung belastender Nachrichten aus aller Welt beklagen. Wir hier im lokalen Bereich bemühen uns um abwechslungsreiche Berichterstattung, die auch mal eine humorvolle Komponente aufweisen darf.

Aber ich bin fest davon überzeugt: Würden wir nur noch „gute, positive Nachrichten“ bringen, wären Sie, liebe User und Leser, das schnell leid. Zum einen, weil es nicht die Lebenswirklichkeit spiegelt. Zum anderen, weil es langweilig würde.

Also: Suchen wir uns das Besondere, das Einmalige, das Unerwartete für unsere Berichte heraus? Ja das tun wir. Und wollen Sie das, lieber Kaufmann, als „immer nur negativ“ bewerten? Dann tun sie das. Unter dieser Prämisse würde ich Ihnen sogar Recht geben: „Wir berichten immer nur negativ.“

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