Am 30. März 1945 neigte sich der Krieg in Werne dem Ende zu. Amerikanische Panzer rollten auf den Marktplatz. Es gab noch immer Beschuss - aber der kam vor allem aus der Nachbarstadt.

von Heidelore Fertig-Möller

Werne

, 30.03.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Am 8. Mai 1945, vor 75 Jahren, wurde die bedingungslose Kapitulation von den deutschen Militärs unterzeichnet. So ging nach zwölf schrecklichen Jahren das sogenannte „1000-jährige Reich“ unter. Schon Wochen vorher, Anfang März, standen die amerikanischen Truppen am Rhein und überquerten ihn bei Remagen – zwei Wochen später konnten die Panzer der britischen Truppen ebenfalls den Rhein bei Wesel übersetzen. Am 30./31. März , zu Ostern 1945, war auch für das kleine Lippestädtchen Werne der Krieg zu Ende.

In einigen Zeitzeugenberichte, die 1995 bei der ersten Geschichtswerkstatt im Werner Museum niedergeschrieben wurden, kann man dieses Kriegsende ein wenig nachvollziehen. So schreibt zum Beispiel eine junge Mutter an ihren Mann an der Front von den letzten Tagen in Werne:

Die letzten Wochen waren wohl die ereignisreichsten meines Lebens! Am Gründonnerstag mussten wir fast den ganzen Tag im Keller verbringen, denn am Karfreitag 1945 – den Tag werde ich wohl kaum vergessen – sollte der Tommy in nächster Nähe sein. Von 3 bis 6 Uhr im Keller gesessen, die Nacht aber noch bis 3 Uhr geschlafen. Auf einmal ging eine tolle Schießerei los – wir in den Keller in Windeseile! Dann hieß es: ‚Die Amerikaner kommen, sie sind schon auf der Capeller Straße. Alle Fahnen heraus‘, hieß die Parole. Dann hieß es wieder: Die Stadt wird verteidigt, danach ‚Die Stadt wird kampflos übergeben!‘

Der Domhof an der Südmauer war zeitweiliger Sitz der Parteispitze der Werner NSDAP.

Der Domhof an der Südmauer war zeitweiliger Sitz der Parteispitze der Werner NSDAP. © Förderverein Stadtmuseum


Wir sind durch die Stadt gezogen, über dem Kirchhof keine Fahne, auf dem Roggenmarkt einzelne weiße Fahnen, aber in der Burgstraße große Betttücher, große und kleine weiße Fahnen, wie zur Prozession. Aber, oh weh, um 7 Uhr ging die Schießerei von Neuem los, denn unsere Soldaten waren noch nicht hier durch, also die Fahnen mussten wieder rein. Am Samstag, 31. März, wurden den ganzen Tag lang die Amerikaner erwartet. Das Straßenbild war furchtbar – schwarz von zurückkommenden deutschen Soldaten.

Mittags um 12 Uhr kam der erste amerikanische Wagen mit drei Soldaten vor das Stadthaus am Markt gefahren, danach kamen die ersten schweren amerikanischen Panzer. Wir waren die ganze Nacht im Keller – es war furchtbar. Nun haben wir Ruhe vor den Fliegern, aber das Schießen geht weiter. Rünthe kämpft noch immer. Was wird uns die Zeit noch bringen – mein Herz liegt mir so schwer in der Brust!

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Gerhard Post berichtete, wie er als ganz junger Mann das Kriegsende erlebte: Ich wurde am 7. Februar 1945 als 16-jähriger zum Reichsarbeitsdienst nach Löningen eingezogen. Mit mehreren Wernern verbrachte ich dort die Zeit bis zum 25. März. Die Entlassung kam ganz plötzlich. Alles ging in Eile. Wir als Freiwillige bekamen den Marschbefehl zum Wehrbezirkskommando Coesfeld. Sofort machten mein Freund und ich uns auf den Weg. Mit dem Zug oder auf Schusters Rappen gelangten wir schließlich am 27. März gegen Abend in Münster an.

Auf dem Bahnhof ging schon alles drunter und drüber. Dort erfuhren wir dann, dass eine Zugverbindung nach Coesfeld nicht mehr bestehe. Da schlugen wir zu Fuß den Weg nach Hause ein – nach Werne. Am 28. März kamen wir frühmorgens in Werne an – es war noch dunkel. Auf der Bahnbrücke an der Capeller Straße wurden wir von Volkssturmmännern angehalten.

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Da wir das untrügliche Gefühl hatten, dass der Krieg zu Ende ging und es uns nicht nach sinnlosem Heldentum gelüstete, versteckten wir uns bei meinem Großvater auf der Horster Straße. In unserem Versteck haben wir das Kriegsende unbeschadet abgewartet. Wie wir erfuhren, versuchte man in der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag die Lippebrücke zu sprengen, was aber nur unvollkommen gelang, aber schwere Zerstörungen anrichtete.

In der Nacht vom Karfreitag zum Karsamstag rückten die Amerikaner in Werne ein. Da Behörden und die Parteispitzen in alle Winde zerstreut waren, machten sich der damalige Guardian des Kapuzinerklosters und ein paar beherzte Bürger auf den Weg, um die Übergabe von Werne zu vollziehen und so die Zerstörung ihrer Heimatstadt zu verhindern – die Übergabe selbst fand auf dem Zechengelände statt. Aber der Krieg war noch nicht zu Ende. Im Nachbarort Rünthe hatten sich versprengte Einheiten verschanzt und schossen noch den ganzen Karsamstag wiederholt nach Werne hinein – zum Glück hielten sich die Schäden in Grenzen.

Der Werner Marktplatz um 1940. Hier rollten Ende März 1945 amerikanische Panzer an.

Der Werner Marktplatz um 1940. Hier rollten Ende März 1945 amerikanische Panzer an. © Förderverein Stadtmuseum

So endete der zweite Weltkrieg für die Werner Bürger auf der Zeche und auf dem Marktplatz Werne, wo die ersten amerikanischen Panzer standen, und sie konnten das erste Mal nach fünf kriegsbedingten Osterfeiern das Fest der Auferstehung Christi verhältnismäßig friedlich begehen, ohne Bombenalarm, Tiefflieger, Kriegslärm und Luftschutzkeller. Wenn man diese erschütternden Berichte liest, was sich vor 75 Jahren hier abgespielt hat, kann man vielleicht die heutigen Ereignisse mit Kontaktsperre und dergleichen ein wenig besser einordnen.

Wer noch mehr dieser Aufsätze lesen möchte, kann noch einige dieser Broschüren „Kriegsende in Werne“ (herausgegeben von Heidelore Fertig-Möller, Felix Vehring und Regina Ruß) käuflich beim Verkehrsverein Werne erwerben, wenn das Büro am Roggenmarkt wieder öffnet.
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