Das positive Bild, mit dem NRW-Innenminister Herbert Reul die Kriminalitätsentwicklung beschreibt, gilt im Kreis Unna noch deutlicher. Fallzahlen vieler Delikte sind rückläufig. Doch es gibt Herausforderungen.

Kreis Unna

, 02.03.2020, 16:51 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die Kriminalstatistik der Polizei ist stets ein Vergleich von Äpfel und Birnen mit den jeweiligen „Ernteergebnissen“ des Vorjahres. Denn kriminell ist sowohl der Ladendiebstahl mit geringwertiger Beute als auch das Tötungsdelikt. Die Jahresstatistik der Kreispolizeibehörde Unna für 2019 ist daher ein vielschichtiges Zahlenwerk. Seine Grundtendenz ist positiv. Der Blick auf einzelne Delikte fällt differenzierter aus.

Weniger Straftaten als 2018 – und als im NRW-Durchschnitt

Wichtigster Befund insgesamt: Die Kriminalität im Ganzen nimmt ab. Was NRW-Innenminister Herbert Reul bei einer Pressekonferenz am Montagmorgen schon landesweit dargestellt hat, gelte für den Kreis Unna noch stärker, betonte Landrat Michael Makiolla bei der Vorstellung der Zahlen für das Kreisgebiet (ohne die Stadt Lünen, die zur Polizei in Dortmund gehört).

Jetzt lesen

Die Zahl der Straftaten pro Einwohner liegt im Zuständigkeitsbereich der Kreispolizeibehörde (KPB) Unna deutlich unter dem Landesdurchschnitt. In den neun Kommunen der KPB sind im vergangenen Jahr 17.063 Straftaten angezeigt worden. Das sind gut 1100 weniger als im Vorjahr. Etwa 52 Prozent der Fälle sind aufgeklärt worden. Unterm Strich liegt die Kriminalität im Kreisgebiet auf dem niedrigsten Wert seit 2010.

Einbrecher scheinen den Kreis öfter zu meiden

Überm Strich gibt es unterschiedliche Entwicklungen, sowohl bei der Betrachtung einzelner Delikte als auch beim Blick in einzelne Städte und Gemeinden. Eine besonders deutliche und erfreuliche gibt es bei den Einbruchsdelikten: Die Zahl der Wohnungseinbrüche hat sich 2019 abermals verringert und lag 2019 bei 432. Vor fünf Jahren war sie fast dreimal so hoch.

Kriminaloberrat Christoph Strickmann (Leiter Direktion Kriminalität), Landrat Michael Makiolla (Leiter Kreispolizeibehörde Unna) und der Leitender Polizeidirektor Peter Schwab (Abteilungsleiter Polizei) stellten die Kriminalstatistik 2019 der Kreispolizeibehörde Unna vor.

Kriminaloberrat Christoph Strickmann (Leiter Direktion Kriminalität), Landrat Michael Makiolla (Leiter Kreispolizeibehörde Unna) und der Leitende Polizeidirektor Peter Schwab (Abteilungsleiter Polizei) stellten die Kriminalstatistik 2019 der Kreispolizeibehörde Unna vor. © Christian Stein

Schwer tut sich die Polizei mit belastbaren Erklärungen, denn einen Täter, der nicht zugeschlagen hat, kann man nicht ermitteln und nicht verhören. Die „reisenden Täter“, die die Zahlen einst in die Höhe getrieben hatten, gebe es vielleicht nicht mehr so oft, oder sie säßen derzeit im Gefängnis, mutmaßt Kriminaloberrat Christoph Strickmann, der neue Leiter der Kriminalpolizei in Unna. „Es ist aber auch ein Erfolg der Bevölkerung, die für das Thema sensibilisiert ist und Verdächtiges meldet“, so Strickmann.

Analog zu den nachlassenden Einbruchszahlen wurden auch weniger Autos aufgebrochen oder gestohlen.

Mehr Gewalt im privaten Umfeld

Ein uneinheitliches Bild gibt es dort, wo Gewalt ins Spiel kommt oder angedroht wird. Die Zahl der reinen Gewaltdelikte ist 2019 gestiegen, nämlich von 609 auf 668 Fälle. Meist handelte es sich dabei um Fälle von häuslicher Gewalt oder um Taten im „sozialen Nahraum“. In der Polizeiarbeit bringt dies zwei Dinge mit sich: Die Aufklärungsquote ist mit 77,5 Prozent recht hoch, weil sich Täter und Opfer oft kennen. Andererseits lässt sich Straftaten, die im privaten Raum geschehen, mit Mitteln der Polizei nur schwer vorbeugen.

Grenze zur Sexualstraftat herabgesetzt

Ähnliches gilt für den Bereich der Sexualstraftaten. Seit einer Strafrechtsänderung fallen unter diesen Bereich nicht nur Vergewaltigung, Missbrauch und unsittliche Berührung, sondern bereits Beleidigungen mit sexuellem Gehalt. Die Fallzahlen waren nach der Gesetzesänderung zunächst deutlich angestiegen, liegen aber aktuell mit 200 Fällen im Jahr 2019 nur um sechs Vorgänge über dem Vorjahreswert. Im Kriminalitätsgeschehen insgesamt machen sie einen eher geringen Anteil aus. Und die Aufklärungsquote ist mit 81,5 Prozent recht hoch.

Jetzt lesen

Ganz anders stellt sich das Problem bei den „Massendelikten“ wie Ladendiebstahl und Taschendiebstahl oder auch bei Raubdelikten dar. Dort ist die Suche nach Tätern schwieriger und öfter erfolglos. Andererseits finden sich mehr Ansätze für die Vorbeugung.

Weniger Straßenkriminalität als im Vorjahr

Fälle, die von der Polizei als „Straßenkriminalität“ kategorisiert werden, lagen im vergangenen Jahr um fast 300 unter dem Vorjahreswert. 4756 mal ist jemand im öffentlichen Raum Opfer einer Straftat geworden.

Die Zahl der Raubüberfälle lag 2019 mit 153 Fällen um vier unter dem Vorjahreswert, die Aufklärungsquote bei 53,6 Prozent. Deutlicher sank die Zahl der Diebstähle, nämlich um fast 600 auf 6294. Die Aufklärungsquote bei Diebstahl: 22,7 Prozent.

Jetzt lesen

Senioren für Kriminelle eine lukrative Zielgruppe

Ein schwieriges Feld für die Polizei sind Taten „zum Nachteil älterer Leute“. Ob es der Enkeltrick ist oder der Anruf eines falschen Polizisten – immer häufiger versuchen Täter, Senioren um ihr Erspartes zu bringen. Die Zahl der Opfer scheint auf vermeintlich niedrigem Niveau gestiegen zu sein: Von 17 im Jahr 2018 auf 39 im Jahr 2019. Allerdings haben die Täter allein bei ihren 39 offiziell erfassten Opfern einen Betrag von 207.600 Euro erbeutet.

Die Polizei vermutet darüber hinaus eine Dunkelziffer von Menschen, die ihren Schaden aus Scham nicht zur Anzeige bringen. Deutlich nach oben geschossen ist die Zahl der gemeldeten Versuche: Erfolgreich waren die Betrüger in diesem Arbeitsfeld in etwa jedem 20. Fall. Wichtigste Gegenstrategie der Polizei: immer wieder aufklären über die neusten Maschen.

Uneinheitliche Entwicklungen fallen beim Blick in die Kommunen auf, wobei sich Tatserien in kleineren Gemeinden natürlich statistisch stärker bemerkbar machen. Im Vergleich zur Bevölkerung scheint es in Unna etwas gefährlicher zu sein, während Bönen und Fröndenberg ruhiger wirken.

Jetzt lesen

Die Zahlen können aber auch dadurch verständlich werden, dass Unna mehr Anlaufstellen für Freizeit und Abendgestaltung hat, wodurch bestimmte Delikte erst eine Gelegenheit bekommen. Kamen, Holzwickede, Schwerte und Werne liegen in einigen Teilstatistiken über ihren Vorjahresergebnissen. In Kamen etwa wurden mehr Autos beschädigt, aufgebrochen oder gestohlen. In Schwerte gab es mehr Fälle von Sachbeschädigungen und in Werne mehr Fälle von schwerer beziehungsweise gefährlicher Körperverletzung.

Verzerrtes Bild in den sozialen Medien

Allgemein aber sei die Entwicklung der Straftaten positiv, betont Polizeidirektor Peter Schwab. Zugleich beklagt er eine Kluft zwischen den objektiven Zahlen und dem Sicherheitsgefühl der Bevölkerung. Gut zu beobachten sei dies in den „sozialen Medien“ des Internets, wo einige Kommentatoren erhebliches Misstrauen gegenüber Polizei und Medien zum Ausdruck bringen, um ihrerseits Thesen zu vertreten, für die sie gar keinen Beleg zu brauchen meinen.

Ausländeranteil unter den Straftätern überdurchschnittlich

Tatsächlich offen geht die Polizei daher mit dem Zusammenhang von Kriminalität und Migration um. 74,3 Prozent der Straftaten seien von Deutschen begangen worden, 25 Prozent von Ausländern und 0,7 Prozent von Menschen, deren Status sich nicht genau klären ließ. Bei einem Migrantenanteil von neun Prozent in der Bevölkerung und den hinzuzurechnenden Asylbewerbern deute dies tatsächlich auf einen überproportionalen Ausländeranteil an den Straftätern hin.

Relativiert werde dies aber auch durch den Befund, dass zumindest einige Straftaten überdurchschnittlich häufig unter jungen Leuten vorkommen und gerade die Gruppe der Asylbewerber im Schnitt jünger ist als der Rest der Menschen in diesem Land. Zu den häufigsten Delikten dieser Täter zählen Straftaten mit mäßigem Schadenswert wie Ladendiebstahl, Schwarzfahren, Bedrohung und leichte Körperverletzung, aber auch Delikte, die ein Deutscher gar nicht begehen kann, wie zum Beispiel die illegale Einreise.

Jetzt lesen

Lesen Sie jetzt