Nach Missbrauchs-Urteil gegen 78-Jährigen herrscht Fassungslosigkeit in Werne

Sexueller Missbrauch

Das Urteil gegen einen 78-jährigen Werner, der seine Enkelin missbraucht hat, wirft Fragen auf. Wir haben mit einer Traumatherapeutin gesprochen, fassen die Kritik zusammen und beantworten die wichtigsten Fragen.

Werne

, 31.01.2020, 13:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Ein Spielplatz als Tatort? Ein solches Bild haben viele Menschen nach wie vor im Kopf, wenn es um sexuellen Missbrauch an Kindern geht. Doch die Täter suchen sich ihre Opfer nur selten an öffentlichen Orten. Ein Großteil spielt sich im privaten Umfeld der Kinder ab. So wie im Fall des 78-jährigen Rentners aus Werne, der seine Enkelin sexuell missbraucht hat.

Ein Spielplatz als Tatort? Ein solches Bild haben viele Menschen nach wie vor im Kopf, wenn es um sexuellen Missbrauch an Kindern geht. Doch die Täter suchen sich ihre Opfer nur selten an öffentlichen Orten. Ein Großteil spielt sich im privaten Umfeld der Kinder ab. So wie im Fall des 78-jährigen Rentners aus Werne, der seine Enkelin sexuell missbraucht hat. © Jörg Heckenkamp

Ein 78-jähriger Werner gesteht, seine zwölfjährige Enkelin mehrfach sexuell missbraucht zu haben - und kommt mit zwei Jahren Haft auf Bewährung und einer Geldstrafe von 4800 Euro für karitative Zwecke davon. Die Tat an sich ist schon schrecklich genug - doch auch das Urteil des Lüner Amtsgerichts sorgt bei vielen Menschen für Fassungslosigkeit.

„Jemand, der seine Rechnung nicht bezahlt, wird eingesperrt. Dieses Monster bekommt nur eine Bewährung“, schreibt einer unserer Facebook-User. „Der Opa gehört den Rest seines Lebens hinter Gitter“, meint ein anderer. Und ob der Feststellung, dass „das Kind wahrscheinlich ein Leben lang leiden wird“ fordert schließlich jemand: „Da muss selbst der Richter eine Strafe bekommen bei so einem Urteil!“

Auch Gabriele Angenendt hat sich dazu geäußert. Die Wernerin ist Diplompsychologin mit den Schwerpunkten Trauma- und Sexualtherapie. Sie sagt: „Das Urteil ist schwer nachzuvollziehen. Zumal der Täter mildernde Umstände bekommt - das Kind aber nicht.“

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Der Rentner soll seine Enkelin in mindestens vier Fällen an verbotenen Stellen gestreichelt und ihr anschließend zu verstehen gegeben haben, dass sie zuhause nichts von den Übergriffen erzählen dürfe. Das Mädchen offenbarte sich schließlich doch seiner Mutter. Die stellte daraufhin Anzeige gegen ihren eigenen Vater und brach den Kontakt zu ihm ab.

Das Gericht hatte das Urteil damit begründet, dass der Mann seiner Enkelin durch sein Geständnis eine quälende Zeugenbefragung im Missbrauchsprozess erspart habe. Zudem war der Rentner bis dato straffrei durchs Leben gegangen. Und als Ersttäter hat man bei einem Strafmaß von zwei Jahren Haft relativ gute Chancen auf Bewährung. Die Rechtslage hätte - rein theoretisch - sogar noch eine geringere Strafe zugelassen. Aber auch eine deutlich höhere.

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Im Strafgesetzbuch (StGB) regelt Paragraf 176 das Strafmaß bei sexuellem Missbrauch von Kindern. Dort heißt es: „Wer sexuelle Handlungen an einer Person unter vierzehn Jahren (Kind) vornimmt oder an sich von dem Kind vornehmen lässt, wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren bestraft.“

Laut Kriminalstatistik der Polizei des Kreises Unna ist die Zahl der angezeigten „Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“ zuletzt gestiegen. Im Jahr 2018 gab es 16 solcher Fälle, jeweils 9 waren es in den beiden Vorjahren. Diese Deliktgruppe bezieht sich allerdings auf das Sexualstrafrecht insgesamt - umfasst also neben sexuellem Missbrauch unter anderem auch die Ausübung der verbotenen Prostitution. Zudem differenziert die Statistik in diesem Punkt nicht zwischen Sexualdelikten an Erwachsenen und solchen an Kindern. 2018 gab es in Werne zwei Fälle von Vergewaltigung beziehungsweise sexueller Nötigung. 2017 waren es vier, 2016 drei.

Wir veröffentlichen in den nächsten Tagen mehrere Artikel zum Thema, unter anderem eine beispielhafte Leidensgeschichte und ein Interview. Dieser Artikel aktualisiert sich automatisch, sodass die RN+-Artikel nach und nach hier angezeigt werden.

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