Wie geht es den Kindern in der Notbetreuung? Wir haben bei einigen Trägern der Werner Kitas nachgefragt. © picture alliance/dpa
Coronavirus in Werne

Notbetreuung in Werne: „Die Eltern sind mit ihren Ausweichkapazitäten am Ende“

In Werne gilt seit vergangenem Montag die „bedarfsorientierte“ Notbetreuung in Kitas. Wie wird die Notbetreuung in Werne genutzt und was mach das Hin und Her mit den Kindern und Personal?

Seit Montag (26. April) gilt auch in den Werner Kitas die „bedarfsorientierte“ Notbetreuung. Nur unter bestimmten Voraussetzungen können Eltern ihre Kinder in die Betreuung geben. Aber wie wird diese Notbetreuung genutzt?

Derzeit seien in der Kita „Am Familiennetz”, die von der Jugendhilfe in Werne betrieben wird, täglich um die 27 Kinder in der Betreuung, so Einrichtungsleiterin Anna Lena Schwarz. Normal seien es 57. Auch die anderen Kindertagesstätten der Jugendhilfe Werne würden derzeit von allerhöchstens 50 Prozent der Kinder besucht. „Man sieht schon eine deutliche Reduzierung. Bei den meisten sind es noch weniger als 50 Prozent”, so Schwarz. Die Anzahl der anwesenden Kinder sei aber immer unterschiedlich, weil nicht jedes Kind jeden Tag komme.

40 und 60 Prozent der Kinder in die Betreuung

Auch in den Kindertageseinrichtungen in Trägerschaft des Bistums Münster in Werne kommen noch zwischen 40 und 60 Prozent der Kinder in die Betreuung, auch wenn einige Eltern ihre Kinder bewusst nicht in die Kita brächten, so Verbundsleiterin Stefanie Heider. Aber: „Die Eltern sind mit ihren Ausweichkapazitäten am Ende scheint es. Wir glauben, dass die Auslastung weiter ansteigen wird, da immer mehr Eltern das Angebot anfragen.”

Viele würden nachhören, ob sie sich erklären müssen, ob auch andere Familien Notbetreuung nutzen. „Viele geben an, dass sie sich vermehrt Sorgen wegen der psychischen Belastung durch die Isolierung ihrer Kinder während der langen Pandemiezeit machen. Sie wollen ihren Kindern nicht weiterhin Spiel- und Sozialkontakte entziehen. Sie bauen auf geimpftes Personal und funktionierende Hygienekonzepte in der Kita.”

„Situation ist sehr dynamisch“

Grundsätzlich sei die Situation in allen Kitas sehr dynamisch, da durch die Eigenerklärung der Eltern jedes Kind zu jeder Zeit kommen könne, wenn seitens der Eltern diese Entscheidung getroffen wird, so Daniel Frieling von der Arbeiterwohlfahrt Ruhr-Lippe-Ems, in deren Trägerschaft sich die Kita Biberburg befindet. Auch er sieht eine große Belastung der Eltern. „Wir rechnen eher damit, dass mehr Kinder in die Kitas gebracht werden, weil die Eltern momentan sehr belastet sind.”

Und wie geht es dem Personal dabei? Die Situation sei eine große Herausforderung, denn man versuche täglich, mit genügend Personal die Differenzierung der Gruppen zu realisieren, so Frieling. „Das geht nur dank des großen Engagements unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.”

„Menschen gehen über ihre Grenzen der Leistbarkeit hinaus”

Stefanie Heider vom Bistum Münster spricht von einer gewissen Routine im Krisenmodus. „Aber die Unwägbarkeiten, schnelle Veränderungen von Vorgaben, Spontanansagen und alles, was die Mitarbeiter auch ohne Corona leisten müssen, strapaziert jede einzelne Mitarbeiterin”, so die Verbundsleiterin. „Erfahrungsgemäß gehen gerade Menschen in helfenden Berufen oft über ihre Grenzen der eigentlichen Leistbarkeit hinaus.”

Anna Lena Schwarz sieht das Team der Kita Am Familiennetz gut auf die Notbetreuung vorbereitet: „Anfang März letzten Jahres war das alles eine große Herausforderung. Aber wir haben uns über das Jahr auf einen guten Weg gemacht”, so Schwarz. „Wir sind mittlerweile digital ganz anders aufgestellt. Wir versuchen Kontakte so gering wie möglich zu halten, damit im Fall der Fälle so wenige wie möglich in Quarantäne müssen.” Durch die Digitalisierung sei man flexibel in der Organisation geworden, so die Einrichtungsleiterin. „So schnell bringt uns nichts mehr aus der Bahn.”

Kontakt zu Kindern halten

Auch für die Kinder würde die aktuelle Situation natürlich Einschnitte mit sich bringen, so Anna Lena Schwarz. „Die Gruppen sind jetzt getrennt voneinander. Früher war es so, dass sich die Kinder überall bewegen durften.”

Gruppenübergreifende Freundschaften seien ausdrücklich gewünscht gewesen. „Wir haben natürlich mit den Kindern gesprochen, warum das jetzt alles so anders ist. Und die haben das gut umgesetzt und verstehen das.” Auch mit den Kindern, die jetzt zu Hause sind, bleibe man in Kontakt. „Wir haben zum Beispiel eine eigene Facebookseite eingerichtet, wo wir Videos posten, mit Ideen, die man zu Hause umsetzen kann.”

Heider: Kinder reagieren verhaltener als früher

Stefanie Heider vom Bistum Münster spricht von einer Veränderung bei den Kindern. „Einige reagieren verhaltener und ernster als früher. Es fehlen ihnen vereinzelt offensichtlich Unbeschwertheit, Quatsch und Spontaneität. Bei einigen Kindern geht es tatsächlich beim Blick auf die psychische Gesundheit ins Pathologische.” Bei anderen Kindern sei aber auch erst einmal wenig bis keine augenscheinliche Veränderung zu bemerken.

Generell sei mittlerweile eine gewisse Corona-Müdigkeit eingetreten. „Kindern, Mitarbeitenden und Eltern fehlt die gewohnte normale Struktur und das gesellschaftliche Leben in allen Bereichen.” So seien die Tage sehr eintönig und die Arbeit mit den Kindern auf einen eingegrenzten Raum beschränkt. „Die ausgeprägte Vielfalt kann nicht gelebt werden. Die Kinder benötigen mehr Aufmerksamkeit, mehr Input, mehr Animation und sind teilweise etwas aggressiver.” Heider bringt es mit dem Wort „Lethargie“ auf den Punkt.

AWO Bereichsleiter Daniel Frieling verweist auf eine spürbare Unsicherheit bei den Kindern, die aus der insgesamt belastenden Situation resultiere. „Die Kinder spüren, dass auch Erwachsene gerade nicht mehr so sicher sind, wie Kinder sie sonst immer wahrnehmen.”

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