Mehr Tempo gefordert: Holger Bergemann von der Initiative Radverkehr Werne weiß, woran es in Werne hapert. Obwohl die Lippestadt beste Bedingungen für Radfahrer bietet, gibt es viel Nachholbedarf. © Andrea Wellerdiek
Radfahren in Werne

Rad-Experte: „Werne hat großes Potenzial für Radverkehr, aber zu viele marode Wege“

Werne bietet perfekte Bedingungen für Radfahrer. Es krankt allerdings an maroden Wegen, bemängelt Holger Bergemann von der Initiative Radverkehr. Er hat konkrete Ideen, wie sich das ändern lässt.

Sie bremst vor dem Eingang ab, hebt ihr Kind hoch und verabschiedet es. Die Mutter bringt den Nachwuchs an diesem Morgen nicht mit dem Auto zur Uhlandschule in Werne, sondern mit dem Lastenrad. Momente wie diese erfreuen Holger Bergemann nicht nur, sondern sollten seiner Meinung nach künftig verstärkt zum Stadtbild gehören. Das Eltern-Taxi kommt auf zwei statt auf vier Rädern. Es ist einer von vielen Wünschen, die der 45-Jährige zum Thema Radfahren in Werne äußert.

Er gehört zu den Gründungsmitgliedern der Initiative Radverkehr in Werne, die es seit Ende 2019 gibt. Denn für ihn und seine Mitstreiter ist klar: „Werne hat ein großes Potenzial für den Radverkehr. Die Stadt ist aufgrund kurzer und ebenerdiger Wege optimal geschaffen für den Radverkehr“, sagt Bergemann und schiebt ein großes „Aber“ hinterher. „Es gibt eklatante Probleme und absolut marode Radwege.“

Initiative Radverkehr wünscht sich Konsens in der Politik

Dabei denkt er etwa an die Bereiche Ovelgönne und Penningrode, die vor allem von den Schülerinnen und Schüler der beiden Gymnasien genutzt werden. Obwohl es 2018 im Zuge des Projektes „Werne neu verknüpft“ eine Umwidmung der Straße in eine Kreisstraße gab, um dort unter anderem einen sicheren Radweg zu installieren, sei bisher nichts passiert.

So formuliert Bergemann einen weiteren Wunsch: „Wir möchten, dass man einen parteiübergreifenden Konsens in der Politik bildet und das Thema in der Gesellschaft verankert wird“, erklärt der Verwaltungswirt. Dabei hofft er, dass sich die Politik dafür einsetzt, dass es Fördergelder für Projekte rund um den Radverkehr gibt. „Es ist aber klar, dass wir da ein dickes Brett durchbohren müssen“, ist ihm bewusst.

Dennoch hätten Bürgermeister Lothar Christ und einige weitere Kommunalpolitiker signalisiert, dass sie sich für den Radverkehr einsetzen möchten. Ein wichtiges Anliegen solle dabei verfolgt werden: das Erstellen eines Radverkehrskonzeptes. Zunächst einmal steht aber das Mobilitätskonzept für die Stadt auf der Agenda. „Da soll auch ein starker Schwerpunkt auf dem Radverkehr liegen“, erklärt Bergemann.

So gut wie hier am Stadthaus sind nicht alle Wege für Radfahrer in Werne ausgestattet.
So gut wie hier am Stadthaus sind nicht alle Wege für Radfahrer in Werne ausgestattet. © Andrea Wellerdiek © Andrea Wellerdiek

Ob dabei aber auch das Ziel der Initiative, ein systematisches Radwegenetz für Werne zu erstellen, verfolgt wird, bleibt abzuwarten. Oft ginge es um einzelne Schlüsselprojekte, anstatt ein gesamtes Radnetz bis zum Ende zu durchdenken, erläutert Bergemann. „Radler fahren nicht selten 500 Meter auf einem tollen Radweg, der dann plötzlich nicht mehr fortgesetzt wird. Jeder Weg sollte aber so komfortabel und sicher sein wie an seiner schwächsten Stelle.“

Bergemann blickt dabei etwa auf den Bereich zwischen neuem Kreisverkehr an der Münsterstraße/Becklohhof und in Richtung Lünener Straße, wo in Richtung stadtauswärts kein Radweg mehr vorhanden ist. Ähnliches gilt auf der Stockumer Straße zwischen Am Neutor und Wienbrede. Hier hätte man mit einfachen Mitteln längst in beiden Fahrtrichtungen Radwege installieren können, glaubt Bergemann.

Als Familienvater blickt er insbesondere auch auf kritische Situationen an den Werner Schulen sowie auf den Wegen bis dorthin.

Dass er viele Gleichgesinnte hat, spürt er bei Veranstaltungen wie der Kidical Mass, bei denen er mit vielen Teilnehmern ins Gespräch kommen konnte. Dabei bestätigt sich sein Eindruck: Wenn die Radwege sicherer wären, würden auch viele Eltern ihre Kinder mit dem Rad zur Schule bringen anstatt mit dem Auto.

Die Mitglieder der Initiative bringen da eine Idee in die Diskussion: „Die Schulstraßen in Wien sind eine halbe Stunde vor dem Schulbeginn für den motorisierten Verkehr gesperrt. Dadurch hat der Hol- und Bringverkehr mit dem Auto deutlich abgenommen“, erklärt Bergemann.

An der Uhlandschule, zu der auch Bergemanns Kind geht, könnte man Ähnliches in Zusammenarbeit mit Eltern und Lehrern initiieren, glaubt er. Ob die Eltern ihre Kinder dann vermehrt auch mit dem Lastenrad bringen würden, ist dabei zweitrangig.

Lastenrad für Handwerker attraktiv

Handwerker hingegen könnten sicherlich von der Nutzung der robusten Transporträder profitieren, glaubt Holger Bergemann. „Warum sollte ein Schornsteinfeger nicht mit dem Lastenrad zu seinen Kunden fahren, die oft sowieso in einem bestimmten Umkreis wohnen? So viel nimmt er auch nicht mehr in seinem Auto mit, was nicht auch mit einem Lastenrad transportiert werden könnte“, glaubt Bergemann, der selbst etwa 100 bis 150 Kilometer in der Woche mit dem Fahrrad zurücklegt.

Um das Thema nachhaltige Mobilität in den Fokus zu legen, möchten die Mitglieder der Initiative Radverkehr sich dafür einsetzen, dass die Stadt Werne an der europäischen Mobilitätswoche teilnimmt. Diese findet laut Bergemann jedes Jahr vom 16. bis 22. September statt. In Werne könnte innerhalb dieser Woche ein Mobilitätstag stattfinden, stellt Holger Bergemann die Idee vor.

Rund um das Stadthaus könnte es verschiedene Aktionen geben, auf dem abgesperrten Parkplatz könnten sich Bürgerinnen und Bürger in einem Lastenradrennen messen. Händler könnten ihre Angebote vorstellen und Interessenten neue Räder auf dem für den motorisierten Verkehr gesperrten Konrad-Adenauer-Platz bis zum Bült testen.

Holger Bergemann hat konkrete Ideen für einen Mobilitätstag im kommenden Jahr in Werne. Auf dem Parkplatz am Stadthaus etwa könnte ein Lastenrad-Rennen stattfinden.
Holger Bergemann hat konkrete Ideen für einen Mobilitätstag im kommenden Jahr in Werne. Auf dem Parkplatz am Stadthaus etwa könnte ein Lastenrad-Rennen stattfinden. © Andrea Wellerdiek © Andrea Wellerdiek

„Das wäre eine Fahrradstraße auf Probe“, sagt Holger Bergemann, der solche speziellen Straßen für zwei Räder gern auch an Schulen in Werne sehen würde. Er erhofft sich generell mehr Tempo in der Umsetzung von Projekten rund um den Radverkehr. „Wir beobachten, dass relativ wenig passiert“, sagt der 45-Jährige.

Dabei wolle man es nicht belassen. Er und seine Mitstreiter aus der Initiative könnten sich vorstellen, ähnlich wie die Bürgerinitiative Industriegebiet Nordlippestraße, ein Bürgerbegehren anzustoßen. Um konkrete Projekte mit der Bürgerschaft anzustoßen und um für mehr Tempo beim Thema Radverkehr in Werne zu sorgen.

Über die Autorin
Redaktion Werne
Studium der Sportwissenschaft. Nach dem Volontariat bei Lensing Media zunächst verantwortlich für die digitale Sonntagszeitung, nun in der Lokalredaktion Werne der Ruhr Nachrichten.
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