Kein Bock auf Schule? Verweigerer beschäftigen Stadt und Schulen in Werne mehr denn je

hzSchulen in Werne

Immer mehr Schüler versäumen regelmäßig den Unterricht. Die Gründe sind vielfältig - genauso wie die Maßnahmen, die Schulen und Jugendämter ergreifen. In Werne haben sich die Fallzahl teils verdoppelt.

Werne

, 02.03.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Allein im Jahr 2019 haben die Bezirksregierungen des Landes NRW rund 8800 Bußgeldverfahren gegen Schulverweigerer an weiterführenden Schulen angestrengt. Das sind gut 1500 mehr als noch vor vier Jahren. Eine negative Entwicklung, die - so könnte man meinen - verglichen mit der in einer kleinen Stadt wie Werne fast schon schwindelerregend erscheinen dürfte. Doch tatsächlich beschäftigt das Thema „Schulabsentismus“ sowohl das Jugendamt als auch die Schulen der Lippestadt deutlich mehr als noch vor einigen Jahren. Vielleicht sogar mehr denn je.

„Wir begreifen das als überaus wichtiges Thema. Und wir müssen und werden in diesem Punkt auch weiterhin unsere Hausaufgaben machen“, sagt Jugendamtsleiter Maik Rolefs. Dabei könnte sich die Stadt beim Blick in die Statistik doch eigentlich zurücklehnen - oder etwa nicht? Hier steht nämlich eine vergleichsweise kleine Zahl: die Zwölf.

„Schulabsentismus kann viele Gründe haben - manchmal sind es wirklich traurige Geschichten.“
GSC-Leiter Thorsten Schröer
Thorsten Schröer leitet das Gymnasium St. Christophorus.

Thorsten Schröer leitet das Gymnasium St. Christophorus. © GSC

Genau so viele Ordnungswidrigkeitsverfahren hat die Stadt mit Jugendlichen 2019 durchgeführt. Entweder weil diese ein „eigenwilliges Verständnis vom Ferienbeginn“ hatten oder weil sie dem Unterricht regelmäßig ferngeblieben sind. Und damit das klar ist: Es handelt sich hierbei nicht um den klischeehaften Typus des Jugendlichen, der an der Bushaltestelle steht und heimlich eine Kippe raucht, anstatt im Unterricht zu sitzen. Für solche Schulschwänzer, die nur gelegentlich Schulstunden ausfallen lassen, gibt es keine Statistik.

Alles eine Nummer größer als beim klassischen Schwänzer

Bei „Schulverweigerern“ ist - salopp formuliert - alles eine Nummer Größe. In erster Linie die Fehlzeiten. Und häufig auch die Ursachen für die Abwesenheit. „Da geht es keineswegs immer um Schul-Unlust. Damit haben wir weniger zu kämpfen. Es sind oft tiefergehende Probleme. Das Fernbleiben vom Unterricht kann familiäre Gründe haben und es können wirklich traurige Dinge dahinter stecken“, sagt Thorsten Schröer, Leiter des Gymnasiums St. Christophorus (GSC).

Maik Rolefs ist Leiter des Jugendamts der Stadt Werne.

Maik Rolefs ist Leiter des Jugendamts der Stadt Werne. © Felix Püschner

Solche Fälle, in denen die Schulen intensiv mit dem Jugendamt oder sogar Kliniken zusammenarbeiten müssten, um eine Lösung zu finden, gebe es heute „deutlich häufiger als noch vor zehn Jahren“. Aktuell habe man am GSC zum Glück kein solches Problem: „Aber in den vergangenen vier Jahren haben wir zwei Schüler verloren. Bei ihnen war nur noch eine 1:1-Betreuung im Internat möglich.“

Wenn Kinder zu Eltern ihrer Eltern werden

Auch Wernes Jugendamtsleiter kann Beispiele für ähnlich schwerwiegende Fälle nennen. Da wäre etwa das Geschwisterpaar, das dauerhaft in der Schule fehlte, weil es sich um seine psychisch-kranke Mutter kümmern musste. „Hinter dieser Schulabstinenz steckte also ein Rollentausch. Die Kinder wurden zu den Eltern ihrer Mutter. Für sie war es selbstverständlich, dass sie sich um ihre Mutter kümmern, anstatt zur Schule zu gehen. Sie fühlten sich loyal verpflichtet“, erklärt Rolefs. Eine solche Ursache überhaupt erst einmal ausfindig machen zu können, sei in der Regel nicht einfach - das Problem zu lösen ungleich schwerer, aber möglich.

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Laut Rolefs spielen in Zusammenhang mit längerem Schulabsentismus häufig zudem Versagensängste eine Rolle. Beispielsweise wenn ein Schüler im Unterricht nicht mehr mitkommt, den Anschluss verliert, dies aber nicht offen zugeben will. Die Angst davor, bloßgestellt zu werden, ist dann manchmal größer als die Angst vor zu vielen Fehlstunden. „Es ist aber klar, dass Schulabsentismus auch ganz andere Gründe haben kann“, sagt Rolefs. Gründe, die vielleicht nicht so schwerwiegend sind.

Norbert Lutterbeck ist in der Situation, dass er all diese Gründe überhaupt nicht kennt, wenn er mit Jugendlichen spricht, die sich nicht immer an die Regeln gehalten haben - und dazu gehören auch Schulverweigerer. Lutterbeck ist bei der Stadt für die Jugendgerichtshilfe zuständig.

Erst Bußgeld, dann Sozialstunden - und schließlich Arrest

In seinem Büro müssen diejenigen antanzen, denen das Gericht wegen ihrer Verstöße Sozialstunden aufgebrummt hat. Das geschieht in der Regel aber erst dann, wenn ein zuvor verhängtes Bußgeld nicht gezahlt wurde. Ein solches Bußgeld wird meist angesetzt, wenn Schule und Eltern mit ihrem Latein am Ende sind und den Jugendlichen trotz allen Bemühens nicht zum Schulbesuch animieren können.

Die zwölf Fälle, die Lutterbeck 2019 bearbeitet hat, scheinen zunächst wenig. „Aber es sind definitiv mehr geworden. In den Jahren davor waren es immer drei bis fünf. Und die tatsächliche Zahl der Schulverweigerer können wir daraus ja gar nicht ableiten. Bei uns landen ja wirklich nur die, die das Bußgeld nicht bezahlt haben“, sagt er.

Norbert Lutterbeck ist beim Jugendamt der Stadt Werne für die Jugendgerichtshilfe zsutändig.

Norbert Lutterbeck ist beim Jugendamt der Stadt Werne für die Jugendgerichtshilfe zsutändig. © Felix Püschner

Mal reagieren die Jugendlichen geschockt, wenn sie beim Jugendamt vorstellig werden müssen, mal auch nur genervt. So oder so muss Lutterbeck dann zunächst einmal Aufklärungsarbeit leisten: „Es gibt meist die Möglichkeit, das Bußgeld doch noch zu zahlen. Als Elternteil würde ich das aber schon aus erzieherischen Gründen nicht machen, wenngleich das natürlich auch ein bisschen davon abhängt, was der Grund für das Fehlen war. Das bekommt man aber oft im Gespräch heraus - und es sind ja nicht immer Extremfälle.“

Als Hausmeister im Kindergarten oder Altenheim

Wenn es um das Leisten der Sozialstunden geht, dann hat Lutterbeck eine ganze Palette an Möglichkeiten für die Jugendlichen parat: vor allem kleinere Hausmeistertätigkeiten in Kindergärten und Altenheimen, im Sozialkaufhaus oder beim Roten Kreuz. Manche werden auch als Helfer beim Kinderferienprogramm eingesetzt.

„Und wenn die Kids der Aufforderung nicht nachkommen, dann geht‘s nun mal in die Jugendarrestanstalt. Das kann ein Wochenendarrest sein bis hin zu vier Wochen Dauerarrest. Solche Fälle habe ich auch schon erlebt“, sagt Lutterbeck.

Mehr Fälle bedeuten mehr Arbeit für das Jugendamt, aber auch für die Schulen. Ein weiterer Grund, warum die sich nun mehr denn je mit dem Thema Schulverweigerer beschäftigen, liegt zudem in der veränderten Verfahrensweise, die seit dem Schuljahr 2019/20 greift.

„Das Gute ist, dass wir noch sensibler für das Thema geworden sind.“
MSS-Leiter Hubertus Steiner
Hubertus Steiner ist Leiter der Marga-Spiegel-Sekundarschule.

Hubertus Steiner ist Leiter der Marga-Spiegel-Sekundarschule. © Mario Bartlewski

Seither sind die Schulen selbst für die offiziellen schriftlichen Anhörungen im Zuge eines Ordnungswidrigkeitsverfahrens zuständig - und müssen sich daher auch intensiver als zuvor mit der Begründung seitens der Eltern und Schüler auseinandersetzen. Erst nach genauer Prüfung kann die Schule eine Versäumnisanzeige bei der zuständigen Bezirksregierung stellen und die Schulaufsichtsbehörde einen Bußgeldbescheid erlassen.

„Wir haben dadurch definitiv mehr Arbeit. Das Gute ist, dass wir deswegen aber noch sensibler für das Thema geworden sind. Wir sind gezwungen, uns noch mehr mit den Hintergründen auseinanderzusetzen“, sagt Hubertus Steiner, Leiter der Marga-Spiegel-Sekundarschule.

Auch die Schulen müssen also ihre Hausaufgaben machen. Genauso wie die Stadt - und im Idealfall auch die Schüler.

DAS SOLLTEN ELTERN WISSEN
  • Unterstützungsangebote und weitere Informationen zum Thema Schulabsentismus und Schulverweigerer gibt es unter anderem über das Familiennetz der Stadt Werne sowie beim Jugendamt selbst.
  • Zusätzlich zu dem laut Angaben von Jugendamtsleiter Maik Rolefs bereits etablierten Angebot will die Stadt unter anderem interdisziplinäre Arbeitsgruppen bilden, die Schulabsentismus zukünftig als Schwerpunktthema begreifen.
  • Die Höhe der verhängten Bußgelder wegen Verletzung der Schulpflicht ist in NRW noch moderat: Pro Fehltag werden zwischen 80 und 150 Euro fällig. In Sachsen sind es bis zu 1250 Euro.
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