Werner Pfarrer zur Reformation: "Kirche ist nie fertig"

Interview mit Alexander Meese

Reformation in Werne - gab es die hier überhaupt? Unsere Reporterin hat das Lutherjahr zum Anlass genommen, mit dem Werner Pfarrer Alexander Meese über die Reformation, aber auch über die schwierigen Seiten Luthers zu sprechen. Und natürlich auch über die Rolle des Melanchtron, die Meese im diesjährigen Stadtspiel übernimmt.

WERNE

, 16.09.2017 / Lesedauer: 5 min
Werner Pfarrer zur Reformation: "Kirche ist nie fertig"

Beim diesjährigen Stadtspiel zum Leben des Reformators Martin Luther spielt der evangelische Pfarrer Alexander Meese (l.) die Rolle des Melanchthon

Was war oder was ist die Reformation – können Sie das einmal in ein paar kurzen Sätzen zusammenfassen?

Reformation war der Ansatz Martin Luthers, die Kirche mit der Heiligen Schrift zu erneuern. Luther war nicht der erste und der einzige – aber für Deutschland einer der wesentlichen, der angestoßen vom Ablasshandel, der der erste Kritikpunkt war, gesagt hat: Was steht eigentlich in der Bibel und was passt aus der Lehre der Kirche nicht zu der Schrift? Luther wollte, dass sich die Kirche an der Heiligen Schrift erneuert. Nur: Die Leitung seiner Kirche und die Mehrzahl der Machthaber der damaligen Zeit wollten das nicht.

Der Thesenanschlag ist nun 500 Jahre her – welche Bedeutung hat dieses historische Ereignis heute für das ganz normale Gemeindeleben?

Ganz grundsätzlich gäbe es ja ohne den Thesenanschlag und die Folgen keine evangelische Kirche. Die Trennung von katholischer Kirche und evangelischer Kirche hätten wir ohne Reformation nicht. Aber Luther hat wie jeder Mensch ein schweres Erbe und ein positives Erbe. Wenn man jetzt beim Positiven bleibt, dann ist der Grundgedanke, dass wir als Christen frei sind, wesentlich. Das bedeutet, dass es eben nicht eine kirchliche Lehrmeinung gibt, der sich jeder anpassen muss, sondern eine Bibel, in der man alles nachlesen kann, sodass jeder mitreden kann. Dass es im Gottesdienst Gesänge gibt in unserer Sprache, dass auf Deutsch gebetet wird – all das gäbe es ohne die Reformatoren nicht. Es gäbe die Kirche, wie sie jetzt ist, nicht. Es gäbe auch die deutsche Sprache, wie sie jetzt ist, nicht ohne die Bibelübersetzung.

Sehen Sie mit Blick auf die Reformation und die Kirche heute noch irgendwo Nachholbedarf?

Luthers Grundansatz war, dass die Kirche niemals zufrieden sein kann, sondern sich immer wieder neu reformieren muss. Sie muss sich also immer mit Blick auf die Bibel neu ausrichten und fragen: Wem sage ich das eigentlich und wie sage ich das, damit es derjenige versteht? Kirche ist nie fertig: Wir müssen immer weiter dran arbeiten, den Spagat zu schaffen zwischen dem, was für unseren Glauben wirklich existenziell ist, und der Frage, wie wir das zeitgemäß vermitteln. Diese Übersetzung wird Kirche immer leisten müssen. Heute mehr denn je: Glaube ist nicht selbstverständlich, Kirche wird hinterfragt. Das ist einfach so, das finde ich auch nicht schlimm. Deshalb muss die Kirche den Menschen immer wieder erklären, was sie eigentlich will und was sie ausmacht. Das bleibt sicherlich als immerwährende Leistung Luthers.

Sie sprachen gerade auch ein „schweres Erbe“ Luthers an. Was meinen Sie damit?

Von manchem muss man sich wirklich distanzieren. Das Verhältnis des späten Luthers zu Juden ist sehr verhängnisvoll – auch in der Geschichte der Deutschen im Dritten Reich, wo Luther häufig zitiert wurde. Das ist natürlich eine Sache, von der wir uns zum Glück gelöst haben und immer wieder auch deutlich machen müssen: Das ist Kirche nicht – wir stehen im jüdischen Erbe. Also: Es gibt auch Dinge, die müssen wir dezidiert anders machen als von Luther gefordert.

Vielleicht können wir nach diesem großen Ganzen auch noch mal auf die lokale Geschichte Wernes blicken: Wann ist die Reformation denn hier in Werne angekommen?

Die Reformation ist im Dreißigjährigen Krieg an Werne vorbeigezogen, aber hat eben keinen Einzug erhalten in die Stadt. Das feiern wir jedes Jahr in der Stadtprozession. Damals war der Glaube ja eher ein Machtmittel – deshalb kann Werne froh sein, dass es verschont blieb. Weil Werne zum Bistum Münster gehörte und das nach dem Täuferreich natürlich dezidiert katholisch geblieben ist, hat die Reformation die Stadt spät erreicht. Es gab im Kontext der Reformation hier eigentlich keine Veränderung der Kirchenstruktur. Das kam erst später, wie in vielen andern katholischen Ecken Deutschlands auch, einfach durch Zuwanderung. Durch die Arbeit in den Zechen vor allem wuchs hier sukzessive die evangelische Kirche. Sie gehörte anfangs erst zum Kirchspiel in Herringen und wurde dann im beginnenden 20. Jahrhundert selbstständig – also relativ spät. Aber mittlerweile sind wir – auch wenn die Stadt sehr katholisch geprägt ist – eine starke Kraft hier.

Das sieht man ja auch so ein bisschen daran, wie das Lutherjahr in Werne gefeiert wird. Vor allem mit dem großen Stadtspiel. Was halten Sie als Kirchenmann von dem Skript, das der Werner Gottfried Forstmann dafür erarbeitet hat?

Es ist ein gutes Skript. Ich habe vorher auch mit draufgucken dürfen. Schwierig war dabei, alles richtig zu beschreiben, aber gleichzeitig auch für ausreichend Geschehen auf der Bühne zu sorgen. Und das ist, glaube ich, gelungen. Schwieriges wird dabei zumindest angedeutet: Wer aufmerksam zuguckt und zuhört, wird so ein paar Stellen entdecken, an denen Luther problematisch ist. Natürlich kann das nur angedeutet sein. Aber es ist wirklich ein gutes Werk. Ich spiele gerne mit.

Ja genau, Sie spielen ja auch selbst mit. Haben Sie schon öfter in der Freilichtbühne oder beim Stadtspiel mitgemacht?

Nein, ich bin das erste Mal dabei.

Ausschließlich wegen des Themas oder warum?

Ja, durch das Thema bin ich da schnell mit reingekommen. Aber ich hätte auch sonst mitgemacht: Ich spiele einfach gerne und ich finde, es ist eine tolle Idee, dass alle zusammen hier in Werne so etwas gemeinsam machen. Und dass es dann noch zum Reformator ist und so gut in dieses Jahr passt, was wir ja glücklicherweise evangelisch und katholisch zusammenfeiern, das hat bei mir dann letztendlich den Ausschlag gegeben. Es passt einfach super und ist etwas ganz Besonderes – ich glaube nicht, dass eine andere Stadt so etwas hat. Wer das nicht miterlebt, der hat ein bisschen was verpasst.

Sie spielen ja den lutherischen Theologen Melanchthon – haben Sie sich diese Rolle ausgesucht?

Mir wurden verschiedene Rollen angeboten. Ausschlaggebend war dabei natürlich auch, was ich zeitmäßig schaffe. Die Proben und das Textlernen sind schon sehr aufwendig. Martin Luther zu spielen, wäre auch reizvoll gewesen, aber das wäre zeitlich zu viel für mich gewesen. Melanchthon ist eine schöne Rolle. Er ist einer der theologischen Väter der Reformation, hat Luther bei den Übersetzungen geholfen. Er und Luther waren die prägenden Persönlichkeiten in der lutherischen Reformation.

Haben Sie in dem Stück eine Lieblingsstelle?

Meine Lieblingsstelle ist der Streit mit Katharina von Bora, in dem ich ihr verbiete, Luther zu heiraten. Melanchthon pocht dabei sehr vehement darauf, dass Luther ungestört bleiben und sich voll und ganz konzentrieren muss auf seine Veröffentlichungen, seine Predigten und seine Disputation und „das nun wirklich nicht mit einem Weib an seiner Seite geht“. Mehr davon, wie sie sich streiten und zanken, kann man dann beim Stadtspiel sehen.

Das ist zu Luthers Jubiläum in Werne geplant

Ein Jugendgottesdienst mit der Jugendkirche Hamm zum Thema „Auf den Spuren Luthers“ findet am Sonntag, 17. September, im Dietrich-Bonhoeffer-Zentrum, Ostring 70, um 17 Uhr statt.

Der Kammerchor Haltern und das Verina-Ensemble sowie Solisten und „Musica Antiqua Markensis“ singen am 24. September um 17 Uhr die Bach-H-Moll-Messe unter der Leitung von Hans-Joachim Wensing. Das Konzert findet in der Christophorus-Kirche statt.

„Martin Luther“ ist in diesem Jahr der Titel des historischen Stadtspiels vom „Theater für alle“. Aufführungen sind am Samstag, 30. September und Sonntag, 1. Oktober jeweils um 16 Uhr auf der Kirchplatz der Christophorus-Kirche. Karten gibt es beim Verkehrsverein, Roggenmarkt 13, für 8 Euro.

Eine Kinderkirche zum Reformationsjubiläum mit der Eröffnung der Fotoausstellung „Mit Luther unterwegs...“ findet am 21. Oktober um 10 Uhr im Dietrich-Bonhoeffer-Zentrum statt.

Am Reformationstag, 31. Oktober, findet ein gemeinsamer Festgottesdienst in der Martin-Luther-Kirche statt.
„Luthers Geburtstag“ wird am 11. November ab 19 Uhr mit einem modernen Gottesdienst und anschließender Party im Dietrich-Bonhoeffer-Zentrum gefeiert. Eine Anmeldung per ist erforderlich.

Am 12. November um 18 Uhr steht auch das Konzert des Motettenkreises in der Kirche St. Christophorus im Zeichen des Jubiläums.

„Als unser Deutsch erfunden wurde – Reise in die Lutherzeit“: So ist die Lesung mit Bruno Preisendörfer überschrieben, die am 16. November um 19.30 Uhr im Dietrich-Bonhoeffer-Zentrum stattfindet.

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