Der Werner Arthur Bast (69) kam nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl als Helfer in verstrahltem Gebiet zum Einsatz. Dass er noch immer lebt, verdankt er einem glücklichen Umstand.

Werne

, 23.03.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

In der Nacht vom 25. auf den 26. April 1986 ereignet sich nahe der ukrainischen Stadt Prypjat die bislang größte Nuklearkatastrophe Europas. Die geplante Simulation eines vollständigen Stromausfalls im Kernkraftwerk von Tschernobyl endet um 1.23 Uhr in einem verheerenden Unfall: Der Reaktor von Block 4 explodiert. Strahlung tritt unkontrolliert aus, radioaktive Stoffe strömen in die Atmosphäre. Durch Wind und Niederschlag werden sie anschließend in viele Länder Europas getragen.

Arthur Bast ist 36 Jahre alt, als dieses Unglück geschieht. Der gelernte Automechaniker lebt mit seiner Frau Lilli und den beiden Söhnen gut 2700 Kilometer vom Unfallort entfernt. Im Ural, in Russland, in der Stadt Asbest. Und er rechnet nicht damit, dass sich schon wenig später das Militär bei ihm melden wird: „Herr Bast, packen Sie sofort Ihre Sachen. Wir nehmen Sie mit nach Kiew. Sie werden dort gebraucht.“ Warum die Wahl auf ihn fällt? Reiner Zufall.

Endstation verstrahlte Zone

Kiew in der Ukraine ist aber nicht die Endstation der Mission, die der 36-Jährige gemeinsam mit anderen „Helfern“ antreten muss. Es geht weiter Richtung Tschernobyl. In verstrahltes Gebiet. Dort muss er die nächsten dreieinhalb Monate verbringen - und schockierende Bilder mit ansehen.

„Wenn das Militär dich damals eingezogen hat, dann konntest du nicht nein sagen. Wer weiß, was dann mit einem passiert wäre“, erzählt Bast, während er mit seiner Frau knapp 34 Jahre nach der Katastrophe am Tisch in ihrem Haus in Werne sitzt. Lilli Bast blickt kurz zu ihrem Mann - und sagt dann mit leiser Stimme: „Als er weg war, habe ich Tag und Nacht geheult. Es war doch klar, dass es dort gefährlich ist – und es sind ja auch viele, viele Menschen zu Tode gekommen. Das war einfach nur schrecklich.“

Dann entspannt sich das Gesicht der 68-Jährigen ein wenig: „Wir haben nicht gedacht, dass er so lange leben würde. Aber es ist gut ausgegangen. Und dafür sind wir wirklich sehr dankbar.“

Ein Blick auf den zerstörten Reaktor des Atomkraftwerkes Tschernobyl in der Ukraine im Mai 1986. Die Zahl der Todesfälle, die auf den Unfall zurückzuführen sind, ist nach wie vor umstritten.

Ein Blick auf den zerstörten Reaktor des Atomkraftwerkes Tschernobyl in der Ukraine im Mai 1986. Die Zahl der Todesfälle, die auf den Unfall zurückzuführen sind, ist nach wie vor umstritten. © picture alliance / dpa

Damals, nach dem nuklearen Desaster, gehört Arthur Bast glücklicherweise nicht zu den typischen „Liquidatoren“, die man später immer wieder in den Nachrichten und Dokumentationsfilmen sehen wird. Er arbeitet während seines Einsatzes nicht in der „Todeszone“ von Tschernobyl. So bezeichnet man seither den Bereich in unmittelbarer Nähe zum Reaktor. Den Bereich, in dem die Trümmerteil der Explosion liegen und die Konzentration des pulverisierten radioaktiven Materials am höchsten ist.

Dort kommen die Helfer mit ihren improvisierten Schutzanzügen pro Schicht nur 90 Sekunden zum Einsatz. Die Strahlenbelastung vor Ort lässt keinen längeren Aufenthalt zu. Bis der Brand gelöscht, die Trümmer beseitigt und ein Sarkophag zur Abschirmung der Strahlung des Reaktorkerns errichtet ist, kommen deutlich mehr als eine halbe Million Liquidatoren zum Einsatz.

Ein Strahlenwarnzeichen steht in der Sperrzone um das explodierte Atomkraftwerk Tschernobyl auf einem Feld. Der vierte Block des sowjetischen Atomkraftwerks Tschernobyl war am 26. April 1986 bei einem missglückten Experiment explodiert.

Ein Strahlenwarnzeichen steht in der Sperrzone um das explodierte Atomkraftwerk Tschernobyl auf einem Feld. Der vierte Block des sowjetischen Atomkraftwerks Tschernobyl war am 26. April 1986 bei einem missglückten Experiment explodiert. © picture alliance/dpa

Bast und seine Einheit sind in einer der äußeren Zonen im Einsatz. Sie kontrollieren und dekontaminieren Menschen, Maschinen und Fahrzeuge, sobald diese aus den inneren Bereichen wieder herauskommen. „Das erste, was man den Leuten angesehen hat, wenn sie der Strahlung ausgesetzt waren, waren die rot unterlaufenen Augen und die totale Erschöpfung. Manche wurden auch mit dem Krankenwagen abtransportiert“, erinnert sich der heute 69-Jährige.

Doch obwohl Basts Arbeitsort ein gutes Stück vom Kraftwerk entfernt liegt, ist auch er der gefährlichen Strahlung ausgesetzt. „Wir mussten deswegen dreimal am Tag unsere Kleidung wechseln und uns waschen. Unsere Werte wurden täglich dokumentiert. Ab einem Wert von 8,7 wurde es gefährlich. Wer den erreicht hatte, der wurde entlassen und durfte zurück in die Heimat“, sagt Bast.

„Nein mein Junge, dich lass‘ ich nicht in die Todeszone.“
Ein Offizier des Militärs

Bei ihm ist dieser Grenzwert nach dreieinhalb Monaten erreicht. Bei den Helfern in der Todeszone genügt dazu teils schon eine einzige Schicht. Wer dort arbeitet, setzt sich einem hohen gesundheitlichen Risiko aus - enthält aber auch einen entsprechenden Lohn, bis hin zum sechsfachen des üblichen. Nicht wenige wollen daher sogar möglichst nah an den Reaktor heran. Das finanzielle Angebot erscheint trotz aller Bedenken verlockend. Auch für Bast.

„Ich wollte auch auf den Reaktor. Aber mein Offizier hat mich davon abgehalten. Er mochte mich und wollte nicht, dass ich dort arbeite“, sagt er. Bei seinem Kumpel Sascha ist das anders. Der darf in die Todeszone - und stirbt 1987 an den Folgen der Strahlung.

Der Weg ins „Schlaraffenland“

Bast geht es ebenfalls schlecht, als er nach seinem Einsatz nach Hause zurückkehrt. Der russische Arzt, der ihn untersucht, hat keine gute Diagnose für ihn parat. Zehn Jahre werde Bast wohl noch leben, heißt es. Die Art und Weise lässt sich aber kaum prognostizieren. Seine Blutwerte sehen jedenfalls alles andere als gut aus. Und die Erschöpfung macht Bast deutlich zu schaffen.

Nur weil seine Onkel in Deutschland leben, dürfen Bast, seine Frau und ihre beiden Söhne 1988 ebenfalls ins „Schlaraffenland“ ziehen, wie der 69-Jährige erklärt: „Deutschland war die Heimat meiner Eltern. Und sie hatten mit viel davon erzählt, wie gut es hier ist.“ Das gilt vor allem für die medizinische Versorgung.

Der Arzt, an den Bast damals in Deutschland gerät, ist wesentlich optimistischer als sein russischer Fachkollege. „Er meinte, ‚Junge, ich stell dich auf die Beine‘. Das war natürlich eine Erleichterung“, sagt Bast. Er bekommt daraufhin mehrere Monate lang Spritzen. Sein Zustand verbessert sich.

Das ukrainische Prypiat wurde nach dem Reaktorunfall zur Geisterstadt. Dennoch gibt es hier einen aufblühenden Tourismus:

Das ukrainische Prypiat wurde nach dem Reaktorunfall zur Geisterstadt. Dennoch gibt es hier einen aufblühenden Tourismus: 2018 besuchten über 70.000 Menschen die Sperrzone, darunter fast 50.000 Ausländer. © picture alliance/dpa

Bast selbst ist heute allen Leuten, die ihm damals geholfen haben, zutiefst dankbar, wie er betont. Angefangen bei den Ärzten bis hin zu den Mitarbeitern des Gesundheitsamts. Er lebt glücklich in Werne mit seiner Familie. Nur eine Sache kann er einfach nicht begreifen: den aktuellen Tschernobyl-Tourismus-Hype. Das sei „Geldmacherei an einem Ort des Todes, in einer Geisterstadt, in der es nach der Katastrophe wie im Krieg war“.

Bast selbst hat diesen Krieg überlebt. Er war danach nie wieder in Tschernobyl. Und er würde sich wünschen, dass auch andere diesem unheimlichen Ort fernbleiben. Dem Ort, an dem sich vor 34 Jahren die größte Nuklearkatastrophe Europas ereignete.

Über dem „Sarkophag“ wurde 2019 eine neue Schutzhülle installiert.

Über dem „Sarkophag“ wurde 2019 eine neue Schutzhülle installiert. © picture alliance/dpa

Die Todesopfer von Tschernobyl

  • Wie viele Menschen aufgrund des Reaktorunfalls von Tschernobyl ums Leben kamen, ist immer noch umstritten - vor allem mit Blick auf die weltweiten gesundheitlichen Langzeitfolgen.
  • Die Weltgesundheitsorganisation WHO hält ein weltweites Ausmaß von bis zu 4000 Todesopfern - insbesondere durch Krebserkrankungen - für möglich. Die Zahl der Todesfälle, die direkt der Katastrophe infolge von akuter Strahlenkrankheit zugeschrieben werden könnten, liegt laut Angaben der Organisation bei unter 50.
  • Andere Quellen wie der Verein „Internationaler Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges“ sprechen im Gegensatz dazu von hunderttausenden Todesfällen, die sich statistisch in Verbindung mit der Nuklearkatastrophe bringen ließen. Unter gesundheitlichen Spätfolgen leiden demnach schätzungsweise mehrere Millionen Menschen.
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