Wernes Fabi-Leiterin: "Grundsätzlich offen für alle"

Gabriele Kranemann im Interview

Gabriele Kranemann ist Leiterin der Familienbildungsstätte (Fabi) Werne. Im Sommerinterview spricht sie über die Abschaffung des Betreuungsgeldes für Familien, gleichgeschlechtliche Elternschaft, die schönen Seiten ihrer Wahlheimat Werne und darüber, was sich in 50 Jahre Fabi verändert hat.

WERNE

, 24.07.2015, 13:20 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das große Interview zum Nachlesen:

Das Verfassungsgericht hat das oft als Herdprämie verunglimpfte Betreuungsgeld gekippt: Sind Sie darüber enttäuscht oder erleichtert?

Ob das Betreuungsgeld ideal war, wage ich zu bezweifeln. Aber prinzipiell finde ich es gut, dass es Wahlfreiheit gibt für Familien, ob sie Kinder zuhause oder in der Kita betreuen lassen. Vielleicht bietet das Urteil ja jetzt die Möglichkeit, die finanzielle Förderung für Familien insgesamt zu verbessern.

Sie sind selbst Mutter. Haben Sie beruflich pausiert?

Als mein Sohn vor 30 Jahren geboren wurde, habe ich sechs Monate Elternzeit genommen.

Wie haben sie die Doppelbelastung gemeistert?

Ich hatte Hilfe im Haushalt und bei der Betreuung unseres Sohnes. Außerdem erlaubte mir mein Beruf eine flexible Arbeitszeit, wo ich oft auch abends Termine wahrgenommen habe, wo dann mein Mann zu Hause war.

Von Ihrer Familiensituation zum Familienbild der Fabi: Ist das mit Mutter, Vater, Kind richtig beschrieben?

Nein, wir haben einen weiter gefassten Familienbegriff. Wir bieten Kurse für Eltern, Väter, Mütter, Großeltern, Kinderkurse, Jugendkurse und Eltern-Kind-Kurse an. Wir haben für jede Familienphase das passende Angebot. Unsere Angebote richten sich an alle, unabhängig von der Konfession und von der Weltanschauung. Die Familienbildungsstätte ist offen für alle. Wir begleiten Menschen bei der Gestaltung ihres Lebens aus dem Glauben an Jesus Christus.

Was sagen Sie zu homosexuelle Paare, die  Kinder haben?

Ich bin offen gegenüber anderen Lebenserfahrungen und Lebensentwürfen. Die Frage ist jedoch nicht, wer Kinder erzieht, sondern wie sie erzogen werden. Ich bin davon überzeugt, dass bei Kindern, die in gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften aufwachsen, keinerlei Nachteile in ihre Entwicklung festzustellen sind.

Können Sie sich Eltern-Kind-Kurse in der Werner Fabi vorstellen, wo auch gleichgeschlechtliche Elternpaare mit ihrem Kinde teilnehmen?

Ja, ich kann mir gut vorstellen, dass zum Beispiel in einem Eltern-Kind-Kurs gleichgeschlechtliche Elternpaare mit ihrem Kind teilnehmen. Unsere Kurse sind grundsätzlich offen für alle. Toleranz, gegenseitige Wertschätzung und Solidarität sind Grundlagen für ein gutes Zusammenleben. Dies gilt selbstverständlich auch für unsere Kurse.

Ist das für eine katholische Bildungseinrichtung selbstverständlich?

Ja.

Wie steht eine katholische Bildungseinrichtung zu Fragen der Moraltheologie bei der Familienplanung?

Die Lebenswirklichkeit vieler Katholiken hat sich in den vergangenen Jahren von der offizielle Haltung der Amtskirche entfernt. Umso wichtiger finde ich es, dass es Orte gibt, wo Christen sich treffen und sich offen über ihre Seelen- und Lebenslagen austauschen können. Die Fabi ist ein solcher Ort. Die Fabi kann zum Türöffner für Kirche werden, auch für Menschen, die sich an der offiziellen Lehrmeinung reiben.

Auch wenn sich die Angebote an alle richten: Gibt es den typischen Fabi-Besucher?

Gibt es: Er ist weiblich, 58 Jahre alt und besucht mindestens einen Kurs im Bereich Gesundheit, Prävention, Ernährung. So sagt es unsere aktuelle Statistik. Unsere jüngsten Teilnehmer sind ca. 3 Monate alt und wir haben viele Teilnehmende, die über 90 Jahre alt sind. Für alle gilt, dass sie Spaß am gemeinsamen Lernen haben.

Die Fabi hier auf der Konrad-Adenauer-Straße befindet sich mitten in Wernes Zentrum. Was ärgert Sie auf dem Weg zur Arbeit?

Der Zustand des Radweges könnte an der Penningrode verbessert werden, denn ich fahre oft mit dem Rad zur Arbeit.

Und was freut sie?

Ich bemühe mich, möglichst viel in Werne einzukaufen. Und das macht mir richtig Spaß. Wenn ich in Geschäfte gehe, begrüßen mich die Mitarbeiter, haben manchmal sofort eine Empfehlung für mich. Das ist viel persönlicher als in einer anonymen Großstadt.

Können Sie sich Werne ohne Solebad vorstellen?

Klare Antwort: Nein. Das Solebad ist das Aushängeschild unserer Stadt. Erst kürzlich im Urlaub haben mich Menschen darauf angesprochen: ,Ach, aus Werne seid ihr, das ist doch die Stadt mit dem schönen Solebad‘.

Seit wann leben Sie in Werne?

1981 hatte ich die Leitung der Fabi übernommen, zwei Jahre später sind wir aus Lünen hier hin gezogen. und ich kann mit sehr gut vorstellen, hier auch alt zu werden.

Dass Werne attraktiv ist für ältere Menschen, zeigen die zahlreichen Altenheime und Seniorenwohnungen. Ist die Stadt ihrer Meinung nach auch attraktiv genug für junge Familien?

Ich bin der Meinung, dass wir nicht so sehr das Trennende in den Blick nehmen sollten, sondern das Motto für Werne muss lauten: „Gemeinsam in die Zukunft“. Damit meine ich, dass wir alle aufgerufen sind an einem Lebensumfeld mitzuwirken, dass alle ihren Alltag gleichberechtigt gestalten können. Der demographische Wandel trifft alle Generationen. Dies bringt auch Chancen mit sich, für jeden Einzelnen und die Gesellschaft. Ich glaube, dass Jung und Alt gegenseitig sich noch viel mehr im Wohnviertel, in der Nachbarschaft oder in der Kirchengemeinde unterstützen können. Als „sorgende Gemeinschaften“ könnten so Jung und Alt mehr Verständnis für einander entwickeln.

Wenn Sie mal nicht aufs Geld schauen müssten. Welchen Referenten würden Sie gerne einladen?

Nicht einen einzelnen, besonderen Referenten. Ich würde insgesamt mehr Mitarbeiter/Innen verpflichten: etwa männliche Kursleiter für die Väterarbeit. Aber auch insgesamt wird es immer schwieriger, Kursleiter/Innen zu finden.

Warum?

Kursleiter, die seit 40 Jahren und länger für die Fabi arbeiten, sind ein absoluter Glücksfall für uns. Aber es wird immer schwieriger gute Kursleiter langfristig an uns zu binden. Hier spielt die Frage nach der Art der Bezahlung eine immer  größere Bedeutung. Wir prüfen derzeit verschiedene neue Modelle der Kursleiterbindung. Es geht um nicht weniger als die Zukunftsfähigkeit der Fabi und um die Sicherung der hohen Qualität unserer Angebote.

Zum Schluss: Welchen Kurs aus dem Fabi-Programm würden Sie selbst gerne belegen?

Was heißt würden. Ich bin im Gymnastikkursus Lady Fitness - und das schon seit seiner Gründung. Damals war unser Sohn in der Kita Maria Frieden und es kam die Idee auf, für die Mütter ein Sportangebot anzubieten. Ich war von Anfang an gerne dabei: jeden Montagabend in der Sporthalle des Gymnasiums St. Christophorus.

Lesen Sie jetzt